Pendeln mit dem Pedelec
Von wegen Stress auf der „B“

Burgsteinfurt -

Kann das Pendeln mit dem Pedelec bei mittleren Distanzen eine Alternative zum Auto sein? Redakteur Ralph Schippers berichtet über seine, über ein Jahr hinweg gemachten Erfahrungen. Vor allem in der dunklen und kalten Jahreszeit bedeutet es schon eine Herausforderung, das Rad zu benutzen.

Montag, 26.03.2018, 15:18 Uhr
Auf geht‘s: Ab Ortsausgangsschild Bentheimer Weg geht‘s auf gut ausgebautem Wirtschaftsweg Richtung Ochtrup.
Auf geht‘s: Ab Ortsausgangsschild Bentheimer Weg geht‘s auf gut ausgebautem Wirtschaftsweg Richtung Ochtrup. Foto: dru

Die Zahlen beeindrucken, besonders im Vergleich zu den vierrädrigen Gefährten mit der gleichen Technik: Fast eine dreiviertel Million Elektro-Fahrräder sind im vergangenen Jahr erstmals auf die Straße gekommen. Eine Steigerung von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie jetzt im Wirtschaftsteil dieser Zeitung jetzt zu lesen war. Keine Frage: E-Bikes oder genauer Pedelecs sind der Renner auf dem Zweiradmarkt. Auch ich gehöre zu den stolzen Besitzern eines Elektrofahrrades. Seit Ende 2016 setze ich ein S-Pedelec regelmäßig zum Pendeln zwischen Wohnort Ochtrup und Arbeitsstätte in Burgsteinfurt ein. Rund 5500 Kilometer sind auf dem Tacho. Zeit für ein Zwischenfazit.

Obwohl ich ihm nur drei Ausfahrten lang zwischen Ochtrup/Heek und Burgsteinfurt Sonnenschein ausgesetzt wäre – der tägliche Stress auf der B54 ist weit weg, wenn ich statt des zugegebenermaßen bequemen Autos mein E-Bike für den Arbeitsweg benutze. Das fängt schon mit einer gewissen Vorfreude an, wenn ich den Drahtesel mit eingebautem Rückenwind aus der Garage hole. Schon Anfang der 2010er-Jahre hatte ich für einige Zeit ein Elektrorad. Doch die technische Entwicklung ist seitdem rasant weitergegangen. Das aktuelle Modell kann alles besser als der Vorgänger. Stabiles Fahrwerk, tolle Scheibenbremsen, ausgeklügelte Sattelfederung und nicht zuletzt der potente Antrieb der Marke mit den gekreuzten Stimmgabeln im Logo – das „Gesamtkunstwerk“, das die Radmacher der fränkischen Bikerschmiede, aus der mein Rad stammt, kreiert haben, beeindruckt. Und es macht einfach Spaß. 16 Kilometer lang ist der Weg vom heimischen Domizil bis zum Schreibtisch in Stemmert. In 25 Minuten ist er bewältigt, zehn Minuten länger als mit dem Auto. „Nur“, muss man sagen.

Der 500 Wattstunden-Akku hat Steherqualitäten: Ich komme sogar mit der höchsten Unterstützungsstufe mit einer Ladung hin und zurück aus. An kalten Tagen aber wird es auch schon einmal knapp. Und, das gebe ich offen zu, die machen auch mir persönlich zu schaffen: Man muss schon eine gehörige Portion Selbstdisziplin haben, um bei Temperaturen um den Gefrierpunkt eben nicht das mit Sitzheizung ausgestattete Auto für den Weg ins Büro zu nehmen, sondern das Bike. Und wenn das Thermometer dann tiefer in den Minusbereich rutscht wie im Februar, dann wendet sich das Blatt endgültig. Sind Sie schon mal bei minus fünf Grad mit 40 Sachen Fahrrad gefahren? Ein wahrhaft einschneidendes Erlebnis.

40 Stundenkilometer – diesen Schnitt schaffe ich in der höchsten Unterstützungsstufe, wenn ich engagiert in die Pedale trete. Ein Tempo, das Tribut fordert: Weniger in Form von körperlicher Anstrengung, als vielmehr hinsichtlich der Konzentration. Man muss immer mit Verkehrsteilnehmern rechnen, die mit dieser Geschwindigkeit eines „Radfahrers“ nicht rechnen. Nicht umsonst sind beim schnellen Pedelec Rückspiegel, Helm und sogar Bremslicht vorgeschrieben.

Meine Pendelstrecke ist so gewählt, dass ich dem (Auto-)Verkehr möglichst entgehe. Über Wirtschaftswege und Pättkes geht es über Welbergen am Seller See und dem Landcafé Epker vorbei Richtung Burgsteinfurt. Viel Natur, viel frische Luft. Ich könnte auch die Landstraße nehmen. Doch trotz gut ausgebautem Radweg müsste ich dann auf die Straße. Das ist Vorschrift bei S-Pedelecs. Ein extrem unangenehmes Gefühl, wenn die Autos mit 100 Sachen dicht an einem vorbeirauschen. Wenn dann noch einer aufs Smartphone guckt…

Dann doch lieber über den Bauerschaftsweg – auch wenn dieser teils geschottert (am Seller See, unverständlich!) und gerne auch mal verschmutzt ist. Bei schlechtem Wetter dürfen Gamaschen nicht fehlen, sonst sieht man aus wie ein Crossfahrer nach Querfeldein-Tour. Eins ist man jedoch nicht – wenn man es nicht völlig übertreibt: verschwitzt. Wäre auch nicht gut, denn der Arbeitgeber stellt leider noch keine Dusche zur Verfügung. Entspannt und in dem Bewusstsein, schon vor dem Job etwas für mich getan zu haben, komme ich am Arbeitsplatz an. Das wiederum ist ein angenehmes Gefühl.

Aber das E-Biken hat auch eine Kehrseite: Wer glaubt, mit der gleichen Wartung eines normalen Rades auszukommen, irrt. Besonders der Ketten- und Ritzelverschleiß ist deutlich größer. Zudem habe ich auch schon einen neuen Hinterreifen aufziehen und neue Bremsbeläge montieren müssen. Aber was sind die dafür anfallenden Kosten schon im Vergleich zum Einsparpotenzial beim Benzin und der gesteigerten Lebensqualität?

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