WN-Mitarbeiter Dieter Klein war vor 25 Jahren als Reporter in Solingen
Narben sind geblieben

Solingen/Senden -

Fünf Menschen mussten bei dem ausländerfeindlichen Brandanschlag von Solingen vor 25 Jahren ihr Leben lassen. Dieter Klein, heute Mitarbeiter dieser Zeitung, damals Reporter einer der großen deutschen Wochenendblätter, stand plötzlich mitten im Drama.

Dienstag, 29.05.2018, 16:04 Uhr aktualisiert: 30.05.2018, 17:44 Uhr
Das Haus der Familie Genc in Solingen: Hier kamen vor 25 Jahren fünf Frauen ums Leben. WN-Mitarbeiter Dieter Klein war damals als Reporter einer großen Sonntagszeitung vor Ort.
Das Haus der Familie Genc in Solingen: Hier kamen vor 25 Jahren fünf Frauen ums Leben. WN-Mitarbeiter Dieter Klein war damals als Reporter einer großen Sonntagszeitung vor Ort. Foto: Roland Scheidemann

Am Dienstag (29. Mai) vor 25 Jahren erschütterte die Brandnacht von Solingen eine ganze Republik. Mehr noch: Sie offenbarte den Ausländerhass irrer Saufköpfe in aller Grausamkeit. Und wie der Zufall es wollte, stand Dieter Klein, heute Mitarbeiter dieser Zeitung, damals Reporter einer der großen deutschen Wochenendblätter, plötzlich mitten im Drama. Klein erinnert sich:

„Ich hatte an diesem Wochenende eigentlich frei. Und war deshalb von Hamburg zu meiner Frau Erika nach Essen gefahren. Wie immer, wenn ich dort wohnte, fuhr ich auch an diesem Tag sehr früh zur Druckerei unseres Verlagshauses in Kettwig, um mir dort Zeitungen zu holen. Das änderte sich abrupt, als das Autoradio sein Programm unterbrach: ,In Solingen wurde in den frühen Morgenstunden das Haus einer türkischen Familie in Brand gesteckt. Bisher konnten fünf Menschen nur noch tot geborgen werden. Zahlreiche weitere Familienmitglieder mussten mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht werden.‘

Für mich hieß das: Nichts wie hin. Sicherlich nicht ganz frei von Reporter-Sensationsgier, doch hauptsächlich, weil die Sonntagszeitung, für die ich arbeitete, als erste die Geschichte ,aufmachen‘ könnte.

In Solingen herrschten chaotische Zustände. Die Straßen mit Rettungs- und Einsatzwagen völlig zu. Die Brandstätte in der Werner­straße schwarz von Menschen. Frauen lagen sich schreiend in den Armen. Andere wimmerten hilflos am Boden. Noch jetzt trugen Feuerwehrmänner Bahren mit den Toten aus den verkohlten Trümmern des Obergeschosses über Leitern vorsichtig ins Freie. Hier kannte jeder die Familie Genc, die dort gewohnt hatte. Nur einer schlief, wie sich später herausstellte: einer der vier Jugendlichen, die dieses Haus in Brand gesteckt hatten.

Hamburg hatte mir inzwischen grünes Licht gegeben. ,Das wird die große Titelgeschichte morgen. Sieh zu, dass Du Fotografen findest, die uns Bilder liefern.‘

In den nächsten Stunden lichtete sich das Chaos. Von Zeugen erfuhr ich, dass vier Solinger (zwischen 16 und 23 Jahre jung) in der Nacht in einer nahen Kneipe gezecht hatten. Dabei im Suff mit Ausländern Krach bekommen hatten. Typen, von denen man wusste, dass sie zur rechten Szene zählten.

Nachdem der Wirt sie aus der Kneipe geworfen hatte, wollen sie sich rächen. ,Türken einen Denkzettel‘ verpassen. Einer des Quartetts, der damals 17-jährige Christian R., wusste auch wo. Schließlich wohnte er gleich schräg gegenüber eines Hauses, das von Türken bewohnt wurde. Der Großfamilie Genc.

An der nächsten Tankstelle besorgten sie sich einen Kanister Benzin und kamen zurück. Die Brandermittler der Kripo können schon an diesem Samstagvormittag erkennen, dass die Türkenhasser den Sprit an der Haustür, im Flur und Treppenansatz verschütteten und dann zündelten. Somit war den im oberen Stockwerk des Hauses Schlafenden jeder Fluchtweg versperrt.

Wochen später bin ich wieder bei der Familie Genc. Eine Welle von Hilfsbereitschaft vom Land, der Stadt und vor allem von Solinger Bürgern hat die türkische Familie mit Gaben und Geld förmlich überschüttet. Doch Mutter Mevlüde weint nur: ,Was nutzt das alles, wenn mein Herz zerrissen ist.‘ Danach fuhr ich mit einer der Angehörigen in die Uni-Klinik Aachen. Hier wurde der jüngste Sohn wegen seiner schrecklichen Verbrennungen am Kopf behandelt. ,Mit den Narben werde ich nie mehr lachen‘, flüstert er.

Die vier Täter sind längst wieder frei. Die Ruine wurde abgerissen. Heute stehen dort fünf Kastanienbäume, schreiben die Agenturen aus Anlass des Jahrestages. Ich will dort nie wieder hin. Die schrecklichen Erinnerungen an den 29. Mai 1993 sind zwar weitgehend ausgelöscht. Doch Narben sind geblieben.“

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