Jesidische Familie Zandinan
Die neue Heimat heißt Steinfurt

BurgSteinfurt -

Eine junge Familie schlendert durch den Kreislehrgarten. Die beiden Jungs pusten Seifenblasen in die warme Frühlingsluft, der Vater fotografiert sie dabei. Was hinter ihnen liegt, sieht man der jesidischen Familie nicht an, aber sie trägt noch schwer an den traumatischen Erlebnissen, die sie im August 2014 in ihrer nordirakischen Heimat erleiden musste. Nur knapp sind Khudeda, Weeam und Rudaf Zandinan dem Tod durch die Terrormiliz Islamischer Staat entkommen

Sonntag, 03.06.2018, 00:00 Uhr aktualisiert: 04.06.2018, 15:52 Uhr
Wollen in Steinfurt den Neuanfang wagen: Rudaf, Mutter Weeam, Gawar und Vater Khodeda Zandinan.
Wollen in Steinfurt den Neuanfang wagen: Rudaf, Mutter Weeam, Gawar und Vater Khodeda Zandinan. Foto: cm

Eine junge Familie schlendert durch den Kreislehrgarten. Die beiden Jungs pusten Seifenblasen in die warme Frühlingsluft, der Vater fotografiert sie dabei. Was hinter ihr liegt, sieht man der jesidischen Familie nicht an, aber sie trägt noch schwer an den traumatischen Erlebnissen, die sie im August 2014 in ihrer nordirakischen Heimat erleiden musste. Nur knapp sind Khudeda, Weeam und Rudaf Zandinan dem drohenden Tod durch die Terrormiliz Islamischer Staat entkommen, der jüngste Sohn Gawar wird auf der Flucht im Sindschar-Gebirge geboren.

Seit knapp drei Jahren sind die Zandinans jetzt in Steinfurt, ihrer neuer Heimat. Ihr Leben in Shingal endet am frühen Morgen des 3. August 2014 mit dem Überfall der Terrormiliz IS. Khudeda und Weeam Zandinan müssen erleben, wie Verwandte und Nachbarn getötet, junge Mädchen und Frauen verschleppt werden. Mit dem Lastwagen gelingt der Familie die Flucht ins naheliegende Gebirge, im Gepäck haben sie nur etwas Wasser und Brot. Damals ahnen sie nicht, dass dies ein Abschied für immer wird und sie über ein Jahr kein festes Dach über dem Kopf haben werden.

Mit Tränen in den Augen erzählt Khudeda von Hitze, Erschöpfung, Hunger und Durst, und wie sie den damals dreijährigen Rudaf mit Blättern gefüttert haben, damit er nicht verhungert. Sie sehen viele, die es nicht schaffen, Alte, Kranke und Säuglinge, die einfach am Wegesrand liegengelassen werden, weil die Angst vor den IS-Kämpfern die Flüchtenden weitertreibt. In der Einöde des Sindschar-Gebirges bringt Weeam ihren zweiten Sohn Gawar zu Welt, nach nur drei Ruhetagen geht die Flucht zu Fuß weiter.

Sie schaffen es durch einen freigekämpften Korridor in sichere, kurdische Gebiete und über die Balkanroute bis nach Deutschland. Am 9. August 2015 betreten sie in Passau Bundesgebiet, Anfang September finden sie dann in Steinfurt ihr neues Zuhause.

Weil ihnen bewusst ist, dass sie für lange Zeit nicht in ihre Heimat zurück können, wollen die Zandinans möglichst schnell Deutsch lernen. Beide haben nie eine Schule besucht, müssen also Lesen und Schreiben von Grund auf lernen, und das in einer völlig fremden Sprache. Weeam besucht dazu den Sprachkurs der Kirchengemeinde St. Nikomedes – wohin sie den kleinen Gawar mitnehmen kann – und kommt gut voran. Sie nutzt jede Möglichkeit zum Kommunizieren und lernt auch viel über den sechsjährigen Rudaf, der die Sprache von seinen Freunden im DRK-Kindergarten und im Fußballteam des SV Burgsteinfurt aufsaugt.

Khudeda macht einen Sprachkurs, aber der praktisch veranlagte junge Mann tut sich schwer mit dem Lesen und würde viel lieber wieder richtig arbeiten: Er zeigt Handyfotos von Häusern, Terrassen und Treppen, die er im Irak nicht nur gebaut, sondern auch am Computer geplant hat. Die Steinfurter Wohnung hat er vollständig renoviert und er hilft seinen Nachbarn, wenn etwas Handwerkliches anliegt. Maurer oder Fliesenleger, das wäre sein Traumberuf in Deutschland.

Wenn Khudeda an seine Heimat denkt, wird er traurig, denn seine Eltern und viele Freunde sind noch dort und haben keine guten Nachrichten – meistens enden die Telefonate mit Tränen. „Ich lerne zwei Stunden Deutsch, dann bekomme ich eine Nachricht aus Shingal und habe alles wieder vergessen“, so erklärt Khudeda seine schwierige Situation. Dennoch sind er und seine Frau fest entschlossen, sich und ihren Kindern eine gute Zukunft aufzubauen – in Steinfurt, ihrer neuen Heimat.

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