Di., 17.07.2018

Erste „Fit für Mehr“-Flüchtlingsklasse verabschiedet Dankbar für Bildung

Den Absolventen der „Fit für Mehr“-Klasse fehlt nach einem Jahr des intensiven Lernens eine Perspektive. Entsprechende Förderprogramme wurden gestrichen.

Den Absolventen der „Fit für Mehr“-Klasse fehlt nach einem Jahr des intensiven Lernens eine Perspektive. Entsprechende Förderprogramme wurden gestrichen. Foto: TSS

Steinfurt - 

Sie leben in Containern, wissen oft nicht, ob sie in Deutschland bleiben können, sorgen sich um ihre Familien, die noch in den Krisengebieten leben – und haben trotzdem ein Jahr lang gebüffelt, was das Zeug hält: Zwölf junge Flüchtlinge haben jetzt sogar den Hauptschulabschluss in der Tasche, obwohl das Landesprojekt „Fit für Mehr“ ein Zertifikat in dieser Form gar nicht vorsieht. Klassenlehrerin Susanne Imhoff hat insgesamt 23 junge Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, Türkei, Ghana und Guinea in ihrer „Fit für Mehr“-Klasse an den Technischen Schulen unterrichtet.

Auch sie hat aus dem Jahr sehr viel mitgenommen: „Wundervolle Menschen, andere Kultur- und Wertvorstellungen, internationale Gerichte und dass Menschen für Bildung dankbar sind.“

Darum bedauert die Lehrerin an den Technischen Schulen, dass sie den meisten ihrer Schützlinge eines nicht geben kann: eine Perspektive, wie sie zu einer Berufsausbildung in Deutschland kommen können. . .

„Der vom Ministerium eingeschlagene Weg wurde nicht zu Ende gedacht“, kritisiert Schulleiter Thomas Dues. Viele „Fit für Mehr“-Teilnehmer seien noch nicht so weit, eine Ausbildung starten zu können. Viele Fördermaßnahmen, die bislang eine Brücke zur beruflichen Qualifizierung schlugen, seien eingestellt worden. Dues hofft jetzt mit seinen Kollegen, dass mit Hilfe des Kreises, des Jobcenters und der Arbeitsagentur Anschlussqualifizierungen auf die Beine gestellt werden können.

Das jetzt erstmalig durchgeführte „Fit für Mehr“-Programm, initiiert vom NRW-Schulministerium, war für sich allein betrachtet ein voller Erfolg, darüber sind sich alle Beteiligten einig, die jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren eingeschlossen. Dabei musste Susanne Imhoff sich nicht nur einmal auf unerwartete Entwicklungen einstellen. So war die Klasse nicht nur wegen der vielen unterschiedlichen Nationalitäten ein echter Schmelztiegel.

Das Spektrum der Vorbildungen reichte von „Ich habe noch nie eine Schule von innen gesehen“ bis hin zu „Ich habe in meinem Heimatland Maschinenbau studiert.“ Darum richtete die Lehrerin zwei Lerngruppen ein, um die Schüler individueller und besser fördern zu können. Die Idee, die höher Qualifizierten zum Hauptschulabschluss zu führen, kam Susanne Imhoff auch erst nach Beginn des Programms. „Fit für Mehr sieht eigentlich nur eine Bescheinigung über die Teilnahme vor“, erläuterte die Lehrerin.

Aller Anfang ist schwer, so auch bei der Programm-Premiere an den Technischen Schulen. „Unter den 23 Schülerinnen und Schülern gab es Vorurteile, es fielen auch einige rassistische Äußerungen“, erinnert sich Susanne Imhoff. Nach und nach entwickelte sich aber ein freundliches, kollegiales Klima. „Und heute gibt es viele über alle Grenzen gehende Freundschaften“, weiß die Klassenlehrerin. Schwierig sei es auch gewesen, den Flüchtlingen die deutschen Wertvorstellungen zu vermitteln. So ist es hier keinesfalls üblich, einfach nicht zur Schule zu kommen, nur weil man schlecht geschlafen hat. Susanne Imhoff war außerdem Ansprechpartner für alle Alltagsprobleme: Handyverträge, Facharztbesuche, Banküberweisungen, Wohnungsvermittlungen.

Das Jahr, davon ist die Pädagogin fest überzeugt, hat mit den Migranten eine Menge gemacht. Nach Angaben der Stadtverwaltung sei die Anzahl der Polizeieinsätze in den Unterkünften drastisch gesunken. Für sie eine Folge davon, dass die jungen Menschen ausgeglichener und beschäftigt gewesen seien. „Saßen am Anfang verunsicherte, traurige und aggressive Menschen im Unterricht, sehe ich heute eine nette, lachende Truppe.“

Die Perspektiven für die erste „Fit für Mehr“-Klasse an den Technischen Schulen: Von den zwölf Hauptschulabsolventen haben vier die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen, fünf können über eine Ausbildungsduldung weiterkommen. „Die übrigen Flüchtlinge haben keine Chance. Sie kommen aus Ländern, denen die Arbeitserlaubnis nicht erteilt wird oder sie haben keinen Abschluss.“



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