So., 22.07.2018

Steineklopfen als Neustart Denkmalpflege-Werkhof macht Menschen fit für den Arbeitsmarkt

Steineklopfen als Neustart: Denkmalpflege-Werkhof macht Menschen fit für den Arbeitsmarkt

Die Macher auf dem Werkhof:Claudia Hilbig-Wobbe, Andreas Fischer, Adrienne Lapointe, Ali Ashtiani und Thorsten Hübers vom Jobcenter. Foto: Wilfried Gerharz

Steinfurt - 

Riesige Stapel mit Bauholz, sauber geschichtete Backsteine, schmiedeeiserne Geländer, Pflaster in allen Varianten, Fliesen, Kaminsimse, ein paar Putten und andere Kunststücke. Dazu ein paar Extras wie Anmachholz und Trockenobst. Ein Baumarkt eben. Oder? 

Von Uwe Gebauer

Der Hof in Steinfurt kann sich zwar neben klassischen Baustoffhandlungen durchaus sehen lassen, tickt aber völlig anders. Steine, die hier auch einzeln verkauft werden, haben durchaus schon mal 200, 300 Jahre auf dem Buckel. Treppengeländer haben schon über Jahrzehnte ihren Dienst getan – in Häusern, die inzwischen abgerissen sind. Schwere Eichenbalken sind in manchen Fällen das Einzige, was von alten Bauernhöfen geblieben ist. In der Steinfurter Bauerschaft Hollich hat der „Denkmalpflege-Werkhof“ seine Heimat gefunden. Ein Projekt mit vielen Aufgaben.

Zum einen kümmert er sich um authentisches historisches Baumaterial. Wenn irgendwo die Abrissbirne schon bestellt ist, macht sich Andreas Fischer, der Projektkoordinator, mit ein paar Kollegen auf den Weg und rettet, was noch zu retten ist. Feldsteine und Türstöcke, ganze Kamine und Fenster, Eisenteile und Dachziegel.

Alle arbeiten zusammen

Damit fängt die Arbeit für das Werkhof-Team aber erst an. Nach Ausbau und Transport wird das gerettete Material auf dem Hof akribisch aufgearbeitet. Da werden Steine geklopft, Fliesen von altem Kleber befreit, Holzbalken entnagelt und Schmiedeeisen von Rost befreit.

Oft echte Knochenarbeit, in anderen Fällen eine Aufgabe für sehr feinfühlige Tüftler. Und das ist eine zweite Aufgabe für den Werkhof. Hier finden bei diesen Tätigkeiten Langzeitarbeitslose, Flüchtlinge und gestrandete Jugendliche einen Start ins Arbeitsleben. Für manchen ist es die erste Chance, die ihnen der erste Arbeitsmarkt bislang verwehrt hat. Für andere eine zweite, dritte oder auch schon vierte Chance, die sie in fortgeschrittenem Lebensalter und bei oft großen persönlichen Schwierigkeiten gar nicht mehr erwartet haben. Und es funktioniert oft, weiß Sozialarbeiterin Adrienne La­pointe aus Erfahrung. „Der Langzeitarbeitslose an sich ist ja nicht faul.“

Dafür arbeiten sie alle zusammen: die Handwerker, die Anleiter in dem Projekt sind. Die Sozialarbeiterinnen, die sich mit den Teilnehmern darum kümmern, dass auch die Rahmenbedingungen wieder ins Lot kommen. Die Menschen aus dem Jobcenter, die ihrer Kundschaft diesen Weg aufzeigen – und auch gleich was für die Finanzierung tun. Die Besitzer der Abrissprojekte, die für immer neues Material sorgen. Und Bauherren und Architekten, die genauso schnell dafür sorgen, dass die Lager in Hollich wieder leergekauft sind. Eine Gesamtlage, die man neudeutsch „Win-win-Situation“ nennen könnte. Denn von der Arbeit des Werkhofs profitieren sie allesamt.

Vier-Tage-Woche ist Teil des Konzepts

Angefangen hat die ganze Geschichte Ende der 1980er Jahre, als in Hollich die alte Mühle restauriert werden sollte – und kaum passendes Baumaterial gefunden wurde. Der Verein „Denkmalpflege-Werkhof“ wurde gegründet, die Arbeit nahm Fahrt auf – und die über 200 Jahre alte Windmühle ist längst historisch korrekt wieder aufgebaut.

Seit dieser Zeit ist viel passiert. Die NRW-Stiftung hat in der Nähe der Mühle einen aufgelassenen Resthof gekauft, das alte Hofgebäude instand gesetzt, zusätzlich ein Fachwerkhaus und ein altes Back- und Brauhaus auf das 1,8 Hektar große Gelände umgesetzt.

Da spielt sich heute die meiste Arbeit ab – der Hof ist Werkstatt, Büro und Laden zugleich. Nur an diesem Freitagvormittag ist es ziemlich ruhig. Eine Kundin in staubigen Jeans rutscht zwischen Fliesenstapeln umher, in gekachelten Räumen, in denen in ein paar Wochen Trockenobst verarbeitet werden soll, macht ein Kollege Ordnung, in den Büros bereitet man sich langsam aufs Wochenende vor.

15 Freiwillige bessern ihr Taschengeld auf

Doch man muss sich keine Sorge um den Werkhof machen, beruhigt Adrienne Lapointe, die Vier-Tage-Woche ist Teil des Konzepts. Wer hier sein Arbeitsleben beginnt oder den Wiedereinstieg versucht, ist selten in der Lage, fünf Tage am Stück acht Stunden lang konzentriert zu arbeiten. Also versucht es der Werkhof mit viermal 6,5 Stunden. „Und so bleibt am Freitag auch noch Zeit für die vielen Gänge zu Behörden und anderen Einrichtungen“, ergänzt Claudia Hilbig-Wobbe, die andere Sozialarbeiterin in Hollich. „Den Menschen kann man ja nicht verbiegen, wie man möchte“, erklärt Thorsten Hübers vom Jobcenter Steinfurt, „aber man kann die Arbeit anpassen.“

Das gelingt hier so gut, dass mancher gar nicht mehr geht. Bestes Beispiel ist Ali Ashtiani. Der Iraner kam als Flüchtling nach Deutschland, inzwischen ist er einer der fünf Anleiter auf dem Werkhof. Und Übersetzer für Englisch, Farsi und – mit Händen und Füßen – auch fürs Arabische.

Derzeit laufen 44 Arbeitsmaßnahmen auf dem Werkhof, 15 Freiwillige arbeiten zudem gegen ein Taschengeld mit. Die Menschen aus dem ganzen Kreis Steinfurt werden im eigenen Shuttle-Dienst zur Arbeit und wieder nach Hause gebracht. Irgendwann, nach einem halben oder auch nach anderthalb oder zwei Jahren im Kombilohn sollen sie vom Werkhof in „normale“ Betriebe wechseln. Den Übergang bereitet der Werkhof als „Personalüberlasser“ vor.

Viele schaffen den harten Weg wirklich, freut sich Adrienne Lapointe. Und dankt gleichzeitig den vielen, oft kleinen Betrieben, die ohne großes Aufheben mitspielen. Thorsten Hübers sieht das ein wenig anders. Angesichts des immer wieder beklagten Fachkräftemangels gerade im handwerklichen Bereich, findet der Mann vom Jobcenter, könnte das Engagement der Unternehmen durchaus größer sein.

Arbeitsmöglichkeiten auf dem Werkhof

Der Denkmalpflege-Werkhof bietet zweierlei Möglichkeiten der Beschäftigung. Zum einen gibt es 36 Arbeitsgelegenheiten (AGH). Helfer werden für die Dauer von maximal zwölf Monaten beschäftigt. Neben dem Arbeitslosengeld II gibt es eine Aufwandsentschädigung von 1,10 Euro pro Stunde. Zum Arbeitsalltag gehören die Niederlegung von Gebäuden, die Vorbereitung von bauhistorischen Materialien zum Weiterverkauf, Ordnung und Organisation des Materiallagers, Entkernung von Gebäuden und Sicherstellung verwertbarer Materialien. Zudem gibt es Stellen mit Kombilohn (Ardilo). Auch dort werden als Helfer für vorerst zwölf Monaten versicherungspflichtig eingestellt. Als Einsatzort werden Firmen aus der Industrie und Wirtschaft anvisiert. Auch gibt es Stellen im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes.



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