Mo., 23.07.2018

Kanalnetz muss Starkregen besser verkraften „Bremsen, bremsen, bremsen“

Der ehemalige Tiefbauamtsleiter Karl Brügge musste es vor fünf Jahren erleben, dass innerhalb weniger Minuten der Pumpenkeller der Kläranlage in Borghorst mit Regenwasser volllief. Auch für Nachfolger Wolfgang Spille (kl. Foto) ist der Starkregen ein wichtiges Thema.

Der ehemalige Tiefbauamtsleiter Karl Brügge musste es vor fünf Jahren erleben, dass innerhalb weniger Minuten der Pumpenkeller der Kläranlage in Borghorst mit Regenwasser volllief. Auch für Nachfolger Wolfgang Spille ist der Starkregen ein wichtiges Thema. Foto: ar

Steinfurt - 

An Tagen wie diesen: Die Wetterfrösche kündigen nach wochenlangem Sommerwetter eine Hitzewelle mit Temperaturen von über 30 Grad an, der Bauhof rückt am Montag schon zum zweiten Mal aus, um das Regenrückhaltebecken an der Burgsteinfurter Straße aufzufüllen, damit die nach Luft schnappenden Karpfen nicht ersticken, und Wolfgang Spille bittet als Fachdienstleiter Tiefbau die Bürger, die Stadtbäume vor ihrer Haustür mit einem täglichen Eimer Wasser vor dem Verdursten zu retten.

Von Axel Roll

Trotzdem: Ausgerechnet Spille macht sich Sorgen um absaufende Keller, überlaufende Gullys und Kanäle, die die Sturzfluten nicht mehr fassen können.

„Da fehlt eine Menge Regen – der wird aber kommen“, blickt Spille in die Statistik und liest: Im Schnitt fallen auf einen Quadratmeter Boden in Steinfurt pro Tag 2,38 Liter. „In diesem Jahr sind es bislang aber nur 1,26 Liter“, erläutert der Fachdienstleiter. „Das ist nur die Hälfte.“

Er hofft natürlich, dass der Regen, wenn er denn kommt, einigermaßen gleichmäßig über die restlichen Monate des Jahres verteilt auf Steinfurt fällt. Die Folgen des Klimawandels mit immer häufiger auftretenden so genannten Starkregenereignissen sind aber auch bei der – bislang – gemäßigten Witterung des Münsterlands mittlerweile spürbar. Beton und Asphalt in der Landschaft – Stichwort Versiegelung – verschärfen noch das Problem.

Und das ist einfach ausgedrückt folgendes: Wenn es Unwetter gibt und schüttet, dass die Steinfurter keinen Hund vor die Tür jagen, können die Kanäle die Mengen an Wasser gar nicht so schnell schlucken, wie es von oben nachläuft. Es staut sich, der Wasserpegel steigt – und die Keller laufen voll. Im schlimmsten Fall erreicht die Flutwelle die Kläranlagen und das Schmutzwasser verunreinigt die Landschaft.

Das hat es so in Steinfurt noch nicht gegeben. Was Starkregen in abgeschwächter Form anrichten kann, Wolfgang Spille erinnert sich: „Vor zwei Jahren, vom 23. auf den 24. Juni 2016, hat es 40 Liter auf den Quadratmeter gegeben. Das war schon Wahnsinn.“

Die Kanalexperten haben gegen diese Sturzbäche eine Strategie: Den Regen an möglichst vielen Stellen sammeln, um ihn von dort langsam abfließen zu lassen. Wolfgang Spille: „Bremsen, bremsen, bremsen.“ Das funktioniert mit unterschiedlich konstruierten Reservoirs, die aber alle das gleiche Prinzip haben. Großer Ein-, kleiner Ablauf.

Vom Prinzip sieht Spille die Stadt im Kampf gegen Hochwasser gut gerüstet. „Seit einem längeren Zeitraum wird die Kanalisation punktuell umgebaut. Das kann aber noch viele Jahre dauern“, erläuterte der Technische Beigeordnete Hans Schröder unlängst im Bauausschuss. Wo Schutzmaßnahmen am drängendsten sind, könne die Stadt dank detaillierter Daten berechnen. So gibt es ein gesamtstädtisches Aufmaß von Höhen.

Die auffälligsten Zwischenspeicher sind die Regenrückhaltebecken, die es in 18-facher Ausfertigung in Borghorst und Burgsteinfurt gibt. Sie müssen einen großen Teil des Wassers schlucken, das das 215 Kilometer lange Kanalsystem der Stadt nicht verkraften kann. Darüber hinaus gibt es aber noch eine Reihe anderer Stellschrauben, mit denen das Entwässerungssystem vor dem Kollaps geschützt werden kann. Relativ neu sind die Stauwasserkanäle. Sie werden bei nahezu allen größeren Bauvorhaben in die Erde gelegt. Ein Beispiel ist das Websaal-Projekt. Wolfgang Spille: „Dort werden Rohre mit einem Durchmesser von zwei Metern verwendet.“ Sie fungieren als hydraulische Bremse, die den Regen möglichst lange puffert.

Eine andere Möglichkeit sind begrünte Flachdächer, wie sie jetzt bei den Neubauten am Heckenweg realisiert werden sollen. Darüber hinaus appelliert der Technische Beigeordnete an die Bevölkerung, „private Flächen nicht komplett zu versiegeln und ein Versickern von Regenwasser auf eigenem Grund zuzulassen“. Und bei anstehenden Sanierungen des Rohrnetzes, erläutert der Fachdienstleiter, „fragen wir uns immer, was wir noch tun können“.

Rein rechnerisch ist die Stadt gegen Starkregen gefeit, die alle drei Jahre auftreten. Das entspricht 30 Liter auf den Quadratmeter. An der 45-Liter-Marke wird gearbeitet. Wobei Wolfgang Spille eines klarstellt: „Theorie und Praxis, das sind manchmal zweierlei Paar Schuhe.“



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