Di., 31.07.2018

Dieter Chilla ist Vorsitzender der Kreisgemeinschaft Ortelsburg mit rund 6000 Mitgliedern Interesse an den eigenen Wurzeln

Die Kreisgemeinschaft Ortelsburg, deren Vorsitzender Dieter Chilla ist, hat die Namen von rund 100 000 Ortelsburgern aus verschiedenen Jahrhunderten archiviert. Darüber hinaus kümmert sich der Verein aber auch um alte und bedürftige der deutschstämmigen Minderheit in Masuren.

Die Kreisgemeinschaft Ortelsburg, deren Vorsitzender Dieter Chilla ist, hat die Namen von rund 100 000 Ortelsburgern aus verschiedenen Jahrhunderten archiviert. Darüber hinaus kümmert sich der Verein aber auch um alte und bedürftige der deutschstämmigen Minderheit in Masuren. Foto: DC

Borghorst - 

Wenn sich sonntagsnachmittags die Erwachsenen Geschichten aus dem fernen Masuren erzählten, fand das kleine „Dietärrrchen“ das ziemlich langweilig.

Von Bernd Schäfer

Schließlich wurde Dieter Chilla 1950 schon in Gelsenkirchen geboren, der Ruhrpott war seine Heimat und Ortelsburg, die Herkunft seiner Vorfahren, war nur eine Nebensache.

Im Lauf der Jahre wurde das Interesse dann aber doch immer größer, seit 2009 ist der Wahl-Borghorster und ehemalige Leiter der Realschule am Buchenberg sogar Vorsitzender der Kreisgemeinschaft Ortelsburg, einem gut 6000 Mitglieder starken Verein.

Wichtig ist ihm zu betonen, dass es keineswegs darum gehe, Ansprüche an verloren gegangenes Eigentum zu erheben. „Die Generation, die solche Ansprüche noch realisieren wollte, ist weg.“

Stattdessen gehe es ihm um Ahnenforschung und den Kontakt zur heutigen Bevölkerung. „Es kann nur drei Gründe geben, sich mit so etwas zu beschäftigen: Völkerverständigung, Völkerverständigung und Völkerverständigung“, sagt Chilla. Mindestens einmal im Jahr leitet er eine zehntägige Bildungsreise, an der immer wieder auch junge Menschen teilnehmen, die einfach einmal die Heimat ihrer Vorfahren sehen wollen. „Es gibt ein großes Interesse an den eigenen Wurzeln“, hat Chilla festgestellt. „Mittlerweile treten auch Hochschulen an uns heran, wenn sie Augenzeugenberichte aus der Zeit vor der Vertreibung benötigen.“

Das eigene Interesse an der Heimat seiner Ahnen, die er dort sieben Generationen weit verfolgen kann, wurde durch einen Zufall geweckt: Für eine Studienarbeit riet ihm ein Professor, der von seinem „Migrationshintergrund“ wusste, er solle doch über die Binnenwanderung aus Ostpreußen, Schlesien und Masuren in der Zeit der Industrialisierung schreiben.

Der Bedarf an Arbeitskräften lockte damals Tausende Menschen aus dem östlichen Teil des damaligen Deutschen Reichs ins Ruhrgebiet – um 1920 stammten zwei Drittel aller Gelsenkirchener aus dem Kreis Ortelsburg.

Als die ehemals deutschen Ostgebiete nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen fielen und Millionen Menschen vor der Roten Armee fliehen mussten, zog es viele von ihnen ebenfalls ins Ruhrgebiet – dort hatten sie schließlich Verwandte, die ihnen beim Start in ein neues Leben helfen konnten. So kam übrigens auch Chillas Vater nach Gelsenkirchen: Als er 1948 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, wollte er eigentlich zurück nach Ortelsburg. Bis ihn ein befreundeter Soldat aufklärte: „Da ist niemand mehr“, und ihn mit ins Ruhrgebiet nahm.

Bei der Recherche in Gelsenkirchener Archiven traf Dieter Chilla seinen ehemaligen Geschichtslehrer wieder. Als der vom Thema seiner Arbeit hörte, bat er den jungen Studenten, sie doch auch im „Ortelsburger Heimatboten“, einer von der Ortelsburger Kreisgemeinschaft herausgegebenen Zeitung für Exil-Ortelsburger, zu veröffentlichen.

Von da an war Dieter Chilla mitten drin: „Ich erhielt jede Menge Anrufe aus aller Welt, von den USA bis Israel, bei denen Leute fragten, ob ich etwas über ihre Vorfahren gefunden hätte“, erinnert sich Chilla. Auch der Kontakt zur im August 1948 gegründeten Kreisgemeinschaft, die ein Bindeglied zwischen allen Menschen ist, die sich mit dem Kreis Ortelsburg, das heute Szczytno heißt, verbunden fühlen, riss nicht ab. „Weil mein damaliger Geschichtslehrer wusste, dass ich Lehrer geworden war, fragte er mich: ‚Dietärrrchen, kannst du nicht unser Jahrbuch Korrektur lesen?‘“

Das war der Start in die Mitgliedschaft des Vereins, der vor neun Jahren in den Vorsitz mündete.

Ein Aspekt seines Engagements in der Kreisgemeinschaft ist die Unterstützung von besonders bedürftigen Menschen aus der deutschstämmigen Minderheit. „Jedes Jahr im Herbst verschenken wir jeweils 50 Euro – das reicht dann gerade aus, um Kohlen für den Winter zu kaufen.“



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