Do., 02.08.2018

Tjakien Kommer gibt Wohnung und Besitztümer auf, um einen Traum zu verwirklichen Raus aus dem Hamsterrad

Tjakien Kommer am Morgen ihrer Abfahrt aus Burgsteinfurt (Bild l.). Nach einem Jahr haben sich längst nicht alle Hoffnungen erfüllt – aber Aufgeben ist keine Option.

Tjakien Kommer am Morgen ihrer Abfahrt aus Burgsteinfurt (Bild l.). Nach einem Jahr haben sich längst nicht alle Hoffnungen erfüllt – aber Aufgeben ist keine Option. Foto: Bernd Schäfer

Burgsteinfurt - 

Ihr Schlüsselerlebnis war ein spontaner Noteinsatz bei einem Bauern in der Schweiz: Über einen Bekannten erfuhr Tjakien Kommer, dass dieser dringend Hilfe beim Melken seiner Kühe benötigte.

Von Bernd Schäfer

„Seit ich 14 Jahre alt war, habe ich immer auf Höfen gearbeitet“, sagt die in Aus­tralien geborene und in den Niederlanden aufgewachsene 57-Jährige, die 16 Jahre lang in der Bauerschaft Hollich gelebt hat. Viele kennen sie auch als Leiterin der orientalischen Tanzgruppen bei der Volkshochschule und dem TB Burgsteinfurt.

„Auf dem Weg in die Schweiz bin ich plötzlich richtig glücklich gewesen“, erinnert sich Tjakien. „Ich fuhr irgendwo hin, wo ich nichts kannte und wo ich nicht wusste, was mich erwartet.“

Das war 2014, seitdem reifte in ihr der Entschluss, genau dieses Gefühl wieder haben zu wollen, wenn die Kinder erwachsen und aus dem Haus sind. „Ich war das Hamsterrad leid – alles bestand nur noch aus arbeiten und schlafen, ich hatte zu wenig Zeit, das Leben wirklich zu erfahren. Ich wollte die Macht über mein eigenes Leben zurückgewinnen“, erzählt sie beim Wochenend-Besuch in ihrer alten Heimat Burgsteinfurt.

Genau das tut sie seit mittlerweile einem Jahr: Im vergangenen August stieg sie eines Morgens auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Weg – weg von Burgsteinfurt, hin zu einem Leben, in dem das Wort „Müssen“ eine weniger große Bedeutung hat. Ihre erste Station sind die Niederlande, später soll die Tour über Skandinavien, Schottland und Irland um den gesamten Nordseeraum gehen.

Obwohl ihre Entscheidung über drei Jahre reifte, war der Aufbruch nicht einfach: „Als es dann so weit war, war es schwerer als gedacht, über den eigenen Schatten zu springen.“ Sie gab ihre Wohnung auf, verkaufte ihr Möbel und viele andere Sachen. „Alles, was ich besitze, passt in den Anhänger meines Fahrrads. Und in sieben Umzugskartons, die auf dem Dachboden meines Bruders lagern.“

Schwerer als gedacht gestaltete sich allerdings auch der Start. Eigentlich wollte Tjakien, die nebenbei studierte Tropenbiologin ist, ihre Jobs über ein Online-Netzwerk für freiwillige Helfer und ökologisch bewirtschaftete Höfe (wwoof.de) finden. Weil sie dort nur für Kost und Logis arbeiten würde, hatte sie gehofft, ein wenig Geld über Nebenjobs verdienen zu können. Das klappt bis jetzt allerdings noch nicht. Gleich auf dem ersten Hof nahe Raalte musste sie in einem Wohnwagen wohnen und konnte auch nicht nebenbei woanders arbeiten. „Eigentlich wollte ich dort sofort wieder weg – aber mein Pflichtgefühl war noch so stark, dass ich drei Monate geblieben bin.“

Anschließend jobbte sie eine Zeit lang bei der Post, um ihre Kasse wieder aufzufüllen, ehe sie auf einen Hof in der Nähe von Amsterdam ging. Gerade muss sie wieder Geld verdienen, den Sommer über arbeitet sie in einem Café am Strand von Sint Maartenszee. Trotz der Anfangsschwierigkeiten will sie aber nicht aufgeben und an ihrem Traum vom ungebundenen Leben festhalten. „Ich bin dann einfach mal ein paar Jahre weg. Ich hab‘s ja nicht eilig, ich habe ja Zeit.“

Und einiges habe sich bereits verbessert: „Ich bin gelassener geworden. Und ich habe gemerkt, womit ich mich selber klein gehalten habe und wie ich die Festplatte in meinem Kopf umprogrammieren kann.“

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Über ihre Reise berichtet Tjakien auch in einem eigenen Blog: mypushbikeandi



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