Do., 06.09.2018

Kanalsanierung ohne große Baustelle Rollende Kanal-Socke

So sieht es unter der Haselstiege aus. Bäume haben ihre Wurzeln in den Kanal geschoben. Der wird jetzt durch das sogenannte Inliner-Verfahren repariert. Zuvor müssen die Wurzeln natürlich beseitigt werden.

So sieht es unter der Haselstiege aus. Bäume haben ihre Wurzeln in den Kanal geschoben. Der wird jetzt durch das sogenannte Inliner-Verfahren repariert. Zuvor müssen die Wurzeln natürlich beseitigt werden.

Steinfurt - 

Es ist vergleichbar mit einem Strumpf, den man sich über die Wade rollt. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass das Rollen beim Inliner-Verfahren, von dem hier die Rede sein soll, im Bein, nein, natürlich im Kanalrohr stattfindet. Außerdem bekäme man die Socke am Abend wohl nicht mehr vom Fuß runter, wäre sie mit dem gleichen Kleber getränkt worden, der in der feuchten Unterwelt zum Einsatz kommt. In der nächsten Woche werden mit dem relativ neuen Verfahren in Steinfurt einige alte Kanäle wieder „fit for the future“ gemacht.

Von Axel Roll

„Am Dienstag soll es an der Haselstiege losgehen“, erläuterte Fachdienstleiter Wolfgang Spille bei einem Pressetermin. Die Anwohner werden die Vorteile des Systems zu schätzen wissen. Wochenlange Baustellen vor der Haustür wird es nicht mehr geben. Nach zwei Tagen sind die Arbeiter in der Regel wieder verschwunden.

Sie wenden die aus der Medizin schon hinreichend bekannte Schlüssellochtechnologie an, um den Kanal wieder zu flicken. Das heißt: Über einen Schacht wird der in Klebstoff getränkte Schlauch per Pressluft im defekten Kanal ausgerollt und an die Rohrwände gedrückt. Mittels UV-Licht härtet der Kleber dann aus und der Schmutzwasserablauf ist wieder dicht. „Das Verfahren ist nicht nur schneller, sondern mittlerweile auch finanziell sehr interessant“, weiß Markus Bilke vom Fachdienst Tiefbau.

Dieses Inliner-Verfahren ist nicht für jede Kanalsanierung geeignet. „Wenn wir gleichzeitig die Fahrbahn erneuern müssen, legen wir selbstverständlich einen komplett neuen Kanal“, so Wolfgang Spille. Auch bei Rohren, deren Statik nicht mehr in Ordnung ist, wird das Rohr im Rohr nicht ausgerollt. Aber für Fälle wie die Haselstiege, wo die Straße noch in Ordnung ist, Baumwurzeln die Kanäle aber leckgeschlagen haben, dafür ist der Inliner ideal.

Wie lange die allerdings halten, darüber gibt es noch keine belastbaren Erfahrungswerte. Markus Bilke: „Das erste Mal haben wir vor rund 30 Jahren einen verlegt.“ Der sei immer noch dicht. 60 Jahre werde so ein Schlauch wohl halten, sind die Experten sich einig.

In den vergangenen Jahren sei das Verfahren in Steinfurt nicht mehr zur Anwendung gekommen. Dass die Tiefbauer jetzt wieder darauf zurückgreifen, hat auch etwas mit dem anhaltenden Bauboom zu tun. Zum einen sind kaum Firmen zu bekommen, zum anderen klettern die Preise höher und höher. Wo die klebende Socke durchgeschossen wird, das ist nach den Worten von Markus Bilke „immer eine Einzelfallentscheidung“. Ganz wichtig dabei: „Man muss durch den defekten Kanal noch durchgucken können.“ Das macht der Tiefbauer regelmäßig mit einer fahrenden Videokamera. Pro Jahr auf einer Strecke von 16 bis 18 Kanalkilometern. Entdeckt Bilke dabei Löcher im System, kommen die Abschnitte auf die Reparaturliste. Und dann stellt sich die Frage: Socke oder neue Rohre?



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