Jutta Eylers-Niemer hat am 8. Februar ihren letzten Tag an der Burgsteinfurter Realschule
Das Küken unter den Pensionären

Burgsteinfurt -

Als Jutta Eylers-Niemer am 4. August 1980 zum ersten Mal den Chemieraum der Burgsteinfurter Realschule betrat, blieb ihr fast die Spucke weg: Ein Teil der Zehntklässler, die die gerade 24-jährige frisch gebackene Lehrerin unterrichten sollte, saß oben auf Schränken und ließ sich auch mit guten Worten nicht dazu bewegen, auf den Boden des Schulalltags zurückzukehren.

Montag, 21.01.2019, 18:00 Uhr
39 Jahre war der Chemieraum für Jutta Eylers-Niemer das zweite Zuhause. Am 8. Februar hat die Lehrerin der Realschule Burgsteinfurt ihren letzten Schultag.
39 Jahre war der Chemieraum für Jutta Eylers-Niemer das zweite Zuhause. Am 8. Februar hat die Lehrerin der Realschule Burgsteinfurt ihren letzten Schultag. Foto: Bernd Schäfer

„Damals war ich die jüngste im Lehrerkollegium – da wollten die Schüler wohl mal austesten, wie ich reagiere“, kann Eylers-Niemer heute über die Situation mit den widerspenstigen Jugendlichen lachen. Jetzt ist sie die älteste im Kollegium: „Das hat auch Vorteile – die Schüler begegnen einem mit mehr Respekt.“

Den muss sich schon bald ihr Nachfolger erarbeiten, denn am 8. Februar hat die Lehrerin das, wovon wohl alle ihre Schüler auch träumen: Ihren letzten Schultag. Und den wird sie genau dort verbringen, wo sie begonnen hat: Im Chemieraum der Schule an der Tecklenburger Straße.

„Ich bin immer an dieser Schule gewesen, das war mir auch wichtig“, sagt Jutta Eylers-Niemer, als sie auf die vergangenen 39 Jahre zurückblickt. Dreimal hat sie längere Pausen eingelegt, für die Geburt und Erziehung ihrer Kinder. Danach hätte die Nienbergerin auch an Schulen in Münster wechseln können. „Aber ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, sowohl mit den Kollegen als auch mit den Schülern. Und auch in diesem Chemieraum“, fügt sie lachend hinzu. Aus eigener Erfahrung mit ihren Kindern, die in Münster aufs Gymnasium gingen, weiß sie, wie anonym Schulen sein können. „Hier in Burgsteinfurt ist das ganz anders, hier sind Schüler keine Nummern.“

Sie selbst auch nicht. „Ich war nie mausgrau“, sagt sie und erzählt von ihrer Vereidigung als Beamtin. „Damals gab es ja noch eine ganz andere Kleiderordnung – die Lehrer trugen Anzüge, die Lehrerinnen Kostüme. Ich war die einzige, die eine knallrote Cordhose anhatte.“

Ihre eigene Liebe zur Chemie und Physik wollte sie immer an ihre Schülerinnen weitergeben. „Wir brauchen ja auch Naturwissenschaftlerinnen. Deshalb versuche ich immer, besonders Mädchen anzusprechen.“ Von einigen wisse sie, dass das funktioniert hat.

Als Höhepunkte im Schulalltag empfand sie die Betriebsbesichtigungen, zu denen sie gerne ihre Klassen mitnahm, um ihnen zu zeigen, wo die Chemie überall zum Einsatz kommt, etwa beim Frisör, im Sauerstoffwerk oder sogar im Kreislehrgarten.

Der Umgang mit Säuren und explosiven Gemischen ist nicht ganz ungefährlich, deshalb ist Eylers-Niemer froh darüber, dass in all den 39 Jahren keine Unfälle passiert sind – auch nicht, wenn eine Flamme mal etwas größer als beabsichtigt war. „Ich zündele eben gerne...“, verrät sie mit einem Augenzwinkern.

Eine andere Flamme musste sie in ihrer ersten Zeit an der Realschule löschen. „Eine Schülerin fragte mich, ob ich nicht ihren Bruder kennenlernen wolle, der suche nach einer Frau.“ Da musste die Lehrerin leider enttäuschen: „Ich bin doch schon verheiratet.“

Nach ihrem letzten Schultag wird die zukünftige Pensionärin erst einmal Urlaub machen. Mit ihrem Mann geht es nach Teneriffa. Danach will sie aber weiter was mit Kindern machen, in Projekten mit Schulen oder der Uni. „Aber nicht mit welchen, die kommen müssen, sondern mit welchen, die von sich aus kommen wollen.“ Aber auch selbst weiter lernen: Schon jetzt besucht sie manchmal Englisch- und Kunstvorlesungen an der Uni, das will sie in Zukunft ausweiten.

Für ihren letzten Schultag hat sie Freunde, Familie, ehemalige Schüler und Pensionäre der Realschule eingeladen. Mit den Pensionären will sie sich regelmäßig treffen – und ist wie am ersten Schultag die jüngste. „Da bin ich jetzt das Küken.“

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