Uli Ahlke über regionale, dezentrale und CO²-neutrale Strategien im Kreis Steinfurt
„Wir sind mehr als im Soll“

Kreis Steinfurt -

Uli Ahlke wechselt nach 34 Jahren Dienst im Kreis Steinfurt in die Altersteilzeit Klimaschutz und Nachhaltigkeit liegen ihm nicht nur aus beruflicher Sicht am Herzen. Er traut dem Kreis zu, bis 2050 energieautark zu sein.

Dienstag, 02.04.2019, 23:00 Uhr
Nach 34 Jahren nimmt Uli Ahlke, Leiter des Amtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit sowie Geschäftsführer des Vereins „energieland2050“ Abschied von der Kreisverwaltung. Zusammen mit seinem Team und vielen Mitstreitern hat er zahlreiche Preise, darunter den „Climate Star“, und nationale und internationale Anerkennung für die Projekte des Kreises gewonnen.
Nach 34 Jahren nimmt Uli Ahlke, Leiter des Amtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit sowie Geschäftsführer des Vereins „energieland2050“ Abschied von der Kreisverwaltung. Zusammen mit seinem Team und vielen Mitstreitern hat er zahlreiche Preise, darunter den „Climate Star“, und nationale und internationale Anerkennung für die Projekte des Kreises gewonnen. Foto: privat

Sein Name ist eng mit dem Ziel verbunden, den Kreis Steinfurt bis zum Jahr 2050 energieautark zu machen. Nach 34 Jahren Dienst in der Kreisverwaltung wechselt Uli Ahlke, Leiter des Amtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit des Kreises Steinfurt und Geschäftsführer des Vereins „energieland2050“, in die Freistellungsphase der Altersteilzeit. Am Donnerstag (4. April) ist sein letzter Arbeitstag. Mit unserem Redaktionsmitglied Dirk Drunkenmölle hat der 63-jährige Diplom-Ingenieur, der zugleich noch Geschäftsführer der LEADER-AG Steinfurter Land und Tecklenburger Land ist, über Entwicklungen gesprochen, die seine Arbeit beeinflusst haben.

Klimaschutz und Nachhaltigkeit bekommen gerade durch die weltweiten Schülerproteste wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit. Glauben Sie, dass der Protest auf der Straße was erreichen kann?

Ahlke: Er hat schon jetzt viel erreicht. Den Schülern ist es gelungen, die Bedrohung der Lebensbedingungen zukünftiger Generation deutlich stärker zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema zu machen. Sie fordern völlig zu Recht schnelles und wirksames Handeln.

Über 20 Jahre war das ja auch Ihr Thema. Angefangen hat alles mit einem kleinen Agenda-Büro. Daraus ist eine große Bewegung geworden. Wie viele dicke Bretter mussten Sie bohren, um mit dieser „regional, dezentral und CO

Ahlke: Die Bretter habe ich nicht gezählt, es waren aber sehr viele und sehr dicke. Der Widerstand war, gerade in den ersten Jahren, enorm. Mit der Vision „energieautark 2050“, dem Leitbild und erfolgreich realisierten Projekten ist es allerdings gelungen, die regionalen Kräfte zu bündeln. Der positive Effekt: die Anzahl der Mitstreiter und Unterstützer wuchs kontinuierlich und die Gegner wurden, zumindest prozentual, immer weniger.

„Energieland2050“ hat dem Prozess deutlichen Antrieb verschafft. Warum ist Ihnen die Beteiligung der Bürger, Versorger, Unternehmen und vieler mehr in diesem Zusammenhang so wichtig?

Ahlke: Die Energiewende ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Sie gelingt nur, wenn alle relevanten Gruppen beteiligt werden. Hier setzt der Verein „energieland2050“ an. Auf der Grundlage gemeinsamer Ziele und Werte organisiert der Verein die regionale Energiewende. Durch gemeinsam entwickelte innovative Projekte entstehen neue Arbeitsplätze und es wird in hohem Maß regionale Wertschöpfung generiert.

Der Kreis und der Verein sind vielfach für ihre Arbeit ausgezeichnet worden. Dabei musste Umweltministerin Svenja Schulze unlängst zugestehen, dass Deutschland seine Klimaschutzziele für 2020 nicht erreicht und beim CO

Ahlke: Der Kreis hinkt nicht hinterher und hat seine im Masterplan Klimaschutz definierten Ziele nicht verfehlt. Im Gegenteil. Wir sind mehr als im Soll. Die Preise und Auszeichnungen haben uns gezeigt, wo wir im Wettbewerb mit anderen Regionen stehen und sie haben uns angespornt unseren erfolgreichen Weg, auch als Vorbild für andere Kreise, weiterzugehen.

Sie sprechen immer davon, dass die Programme insbesondere regionale Wertschöpfung schaffen. Kritiker sehen aber auch Gefahren, dass langfristig Arbeitsplätze verloren gehen oder man nicht mit technologischen Entwicklungen Schritt halten kann. Was sagen Sie dazu?

Ahlke: Nichts ist beständiger als der Wandel. Das gilt auch für die Energiewende. Dort, wo Konzerne fossile Energieträger abbauen und in Großkraftwerken zu Strom umwandeln, findet in den nächsten Jahrzehnten ein Strukturwandel statt. In den ländlichen Regionen, wo zukünftig dezentral und erneuerbar Energie erzeugt wird, entstehen, schon heute spürbar, viele zukunftstaugliche Arbeitsplätze. Die Energiewende bietet viele Chancen für ländliche Regionen.

Die Europa-Wahl steht vor der Tür. Viele Menschen befürchten eine Rückkehr in nationalstaatliches Klein-Klein und, dass globales Denken und lokales Handeln insbesondere im Hinblick auf den Umwelt- und Naturschutz ausgehebelt wird. Sehen Sie EU-Förderprogramme in Gefahr, von denen ja auch der Kreis Steinfurt stark profitiert hat?

Ahlke: Unsere Region hat in den vergangenen Jahren stark von EU-Förderung profitiert. Wir konnten mit EFRE- und INTERREG-Mitteln und insbesondere mit der LEADER-Förderung mehr als 100 Projekte zur Stärkung unseres Kreises realisieren. Das zeigt, wie wichtig Europa für die Regionen ist. Was ich mir allerdings sehnlichst wünsche ist ein massiver Bürokratieabbau. Wenn der gelingt, werden mehr Fördermittel zielgerichtet eingesetzt und die Menschen werden die Vorteile Europas noch deutlicher spüren.

Viel Zeit ist bis 2050 nicht mehr. Was muss noch Grundlegendes passieren, damit die Energiewende Wirklichkeit werden kann?

Ahlke: Es bleiben noch 31 Jahre bis 2050. Auch wenn es sehr ambitioniert ist, dem „energieland2050“ traue ich zu, bis dahin die CO²-Emissionen von derzeit neun Tonnen pro Einwohner und Jahr auf deutlich unter zwei Tonnen zu reduzieren. Ob es deutschland- und weltweit gelingt, da bin ich skeptisch. Orientiert am Pariser Klimaschutzabkommen müssten sehr viel schneller rigorose, mutige und vielleicht kurzfristig unbequem erscheinende Entscheidungen getroffen werden. Wenn die Energiewende gelingt und fossile Brennstoffe weder zu Heizzwecken noch zur Verbrennung in Motoren oder zur Energieerzeugung eingesetzt werden, haben wir überall absolut saubere Luft und es wird weniger Lärmbelästigung durch Motoren geben. Alle Orte im Kreis haben dann Kurortcharakter.

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