Protest bei Großkundgebung in Münster
Bauern plagen Existenzsorgen

Steinfurt -

Die Steinfurter Bauern machen sich zunehmende Sorgen um den Erhalt der Landwirtschaft in der bestehenden Form als bäuerlicher Familienbetrieb. Der Tropfen, der das Fass nun zum Überlaufen und die Bauern auf die Straße bringt, hat einen etwas sperrig klingenden Namen und wird aus Brüssel vorgegeben: Die EU-Düngemittelverordnung.

Donnerstag, 04.04.2019, 09:06 Uhr
Nehmen gemeinsam mit weiteren Landwirten aus Steinfurt an der Kundgebung teil (v.l.): Henning Stoyke (LOV-Vorsitzender Burgsteinfurt), Werner Prümers (Ortslandwirt Burgsteinfurt) sowie Christoph Uhlenbrock (LOV-Vorsitzender Borghorst).
Nehmen gemeinsam mit weiteren Landwirten aus Steinfurt an der Kundgebung teil (v.l.): Henning Stoyke (LOV-Vorsitzender Burgsteinfurt), Werner Prümers (Ortslandwirt Burgsteinfurt) sowie Christoph Uhlenbrock (LOV-Vorsitzender Borghorst). Foto: Ralph Schippers

„Ich bin seit 25 Jahren Landwirt, aber so eine schlechte Stimmung wie jetzt habe ich noch nie erlebt.“ Ortslandwirt Werner Prümers spricht das aus, was auch in Steinfurt fast alle seine Kollegen umtreibt: Zunehmende Sorgen um den Erhalt der Landwirtschaft in der bestehenden Form als bäuerlicher Familienbetrieb. Der Tropfen, der das Fass nun zum Überlaufen und die Bauern auf die Straße (s. Infokasten) bringt, hat einen etwas sperrig klingenden Namen und wird aus Brüssel vorgegeben: Die EU-Düngemittelverordnung. Deren Ziel: Die Nitratwerte im Grundwasser senken. Die Bundesregierung steht mit der Umsetzung unter Zugzwang: Im Juni vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof Deutschland wegen der EU-Nitratrichtlinie verurteilt. Es droht ein Zwangsgeld in Höhe von 861 000 Euro – und das täglich.

Indes: Die Bauern als Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse bringt die mit der Umsetzung verbundenen Restriktionen in Existenznöte. Eine weitere Reduzierung des Düngereintrags wird dafür sorgen, dass die Pflanzen auf dem Acker regelrecht verhungern, befürchtet Henning Stoyke. Die Folge: massive Ertragseinbußen. Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsverbands (LOV) Burgsteinfurt sieht die Gefahr, dass durch die Vorgaben eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden könnte. Flächenscharf müsse der Düngebedarf errechnet und gemeldet werden. Der zulässige Stickstoffeintrag – am günstigsten geliefert über die hofeigene Gülle – orientiere sich dabei am Ertrag der vergangenen Jahre. Das Problem: Dadurch, dass weniger gedüngt werden darf, verringert sich der Flächenertrag. Das wiederum führt dazu, dass noch weniger gedüngt werden darf. Für Tierhalter gebe es dann nur zwei Möglichkeiten: entweder weniger Tiere halten oder Futtermittel teuer zukaufen.

„Für uns ist es unverständlich, dass es nach der Novellierung der Düngeverordnung 2017 nun schon wieder eine Überarbeitung mit strengeren Vorgaben gibt“, bringt Christoph Uhlenbrock, Vorsitzender des LOV Borghorst, weitere Kritik an. Die entsprechenden Durchführungsverordnungen seien gerade erst verabschiedet worden. „Warum schaut man nicht erst einmal, was das bewirkt?“, fragt Uhlenbrock. „Die Landwirte haben in den vergangenen Jahren viel investiert, um auf dem Weltmarkt mithalten zu können“, ergänzt Werner Prümers. Diese Bemühungen würden nun regelrecht konterkariert. „Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen“, nimmt der Ortslandwirt kein Blatt vor den Mund.

Dass das Grundwasser geschützt werden müsse, steht für die drei lokalen Landwirtschaftsvertreter außer Frage. „Das ist uns Landwirten ein ureigenes Interesse“, sagt Stoyke. Man könne im Hinblick auf Ackermanagement aber mehr tun, sagt er. Beispielsweise über den vermehrten Anbau von Zwischenfrüchten, die dem Boden zusätzlich Stickstoff entziehen. Und der Burgsteinfurter LOV-Chef räumt zudem ein, dass es schwarze Schafe in der Branche gibt, die sich nicht immer an die Vorgaben halten. „Wenn ich auf der anderen Seite aber weiß, dass ein Gebiet als nitratbelastet gilt, wenn nur 20 Prozent der Messstellen über dem Grenzwert liegen, dann empfinde ich das für die übrigen 80 Prozent der Landwirte, die in diesem Areal liegen, als Abstrafung.“

Apropos hohe Nitratbelastung: Auch das Steinfurter Stadtgebiet ist betroffen: Nach Angaben der LOV-Vorsitzenden gehören große Teile der Bauerschaften Hollich und Ostendorf zu den Pro­blemgebieten.

Dass einzelne Messwerte indes nicht unbedingt hohe Aussagekraft hätten, beweise der Messpunkt im Bagno unweit des Bagno-Restaurants. Auch dort sei der Nitratwert zu hoch – für die Landwirte unerklärlich, da ringsum nur Wald existiert.

„Es muss ein gangbarer Weg gefunden werden, der unsere Zukunftsfähigkeit sichert“, hofft Christoph Uhlenbrock auf einen positiven Effekt der heutigen Großkundgebung. Die Landwirte selbst seien bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten.

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