Interview mit Hans-Dieter Jürgens
Gestalter und Wegbereiter

Burgsteinfurt -

Nach 41 Jahren aktiven Schuldienst wird Hans-Dieter Jürgens am morgigen Donnerstag in den Ruhestand verabschiedet. Zuletzt war der 65-Jährige zwei Jahrzehnte an der Städtischen Realschule Burgsteinfurt tätig, die er als Schulleiter in dieser Zeit maßgeblich geprägt hat. WN-Redakteur Ralph Schippers sprach mit dem Burgsteinfurter, der auch in der regionalen Fußballwelt einen klingenden Namen hat, über Paradigmenwechsel im Unterricht, das Bild von Schulleitern in der Öffentlichkeit und seine Trainertätigkeit als Ausgleich zum anstrengenden Lehrerjob.

Dienstag, 09.07.2019, 20:00 Uhr
Meilenstein der Schulgeschichte: 2014 feierte die Realschule mit Hans-Dieter Jürgens als Schulleiter ihr 150-jähriges Bestehen.
Meilenstein der Schulgeschichte: 2014 feierte die Realschule mit Hans-Dieter Jürgens als Schulleiter ihr 150-jähriges Bestehen. Foto: Martin Fahlbusch

Nach 41 Jahren im aktiven Schuldienst wird Hans-Dieter Jürgens am morgigen Donnerstag in den Ruhestand verabschiedet. Zuletzt war der 65-Jährige zwei Jahrzehnte an der Städtischen Realschule Burgsteinfurt tätig, die er als Schulleiter in dieser Zeit maßgeblich geprägt hat. WN-Redakteur Ralph Schippers sprach mit dem Burgsteinfurter, der auch in der regionalen Fußballwelt einen klingenden Namen hat, über Paradigmenwechsel im Unterricht, das Bild von Schulleitern in der Öffentlichkeit und seine Trainertätigkeit als Ausgleich zum anstrengenden Lehrerjob.

Herr Jürgens, Sie sind seit 41 Jahren im Schuldienst, davon 20 als Schulleiter der Realschule Burgsteinfurt. Nehmen wir nur mal die vergangenen 15 bis 20 Jahre: Wie hat sich Schule, wie haben sich die Schüler in dieser Zeit verändert?

Hans-Dieter Jürgens: Es ist sicher so, dass immer mehr Eltern höhere Abschlüsse ihrer Kinder anstreben. Deshalb gibt es heute mehr Schüler als früher, die die in der Realschule unterrichtet werden statt in der Hauptschule. Es ist aber auch so, dass viele Schüler aufs Gymnasium gehen, die vor 20 Jahren noch die Realschule besucht hätten. Was unsere Schule nach wie vor auszeichnet, und daran hat sich nicht viel verändert: Wir haben ein gutes Miteinander von Schülern und Lehrern. Wir suchen das Gespräch, wenn es schwierig wird – auch mit den Eltern. Natürlich hat die Zahl der Schüler, die verhaltensauffällig sind auch bei uns zugenommen. Dies aber nicht in dem Maße, wie es in der Medienwelt allzu oft dargestellt wird. Wir haben durch die Bank ein respektvolles, freundschaftliches Verhältnis mit den Schülern.

In Steinfurt hat – im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen im Umkreis – das dreigliedrige Schulsystem Bestand. Wie beurteilen Sie dieses im Vergleich zu Gesamt- oder Sekundarschul-Lösungen?

Jürgens: Ich schaue stets gerne auf die 1960er- und 70er-Jahre zurück, als wir meiner Meinung nach ein Schulsystem hatten, um das uns die Welt beneidet hat. Die Absolventen jener Jahre haben dazu beigetragen, dass wir heute einen so großen wirtschaftlichen Wohlstand haben. Hier vor Ort haben wir ein funktionierendes Schulsystem auf dieser Grundlage. Die Schülerschaft kann auch im Vergleich zur Nachbarschaft eine große Bandbreite an Qualifikationen erwerben. Es ist daher kein Handlungsbedarf vorhanden.

Die Burgsteinfurter Realschule ist gerade in den jüngsten Jahren stark gewachsen. Parallel ist das Schulprogramm immer weiter ausgebaut worden. Es gibt eine enge Kooperation mit der Musikschule, die Beziehung zur Partnerschule sind intensiviert worden und auch die Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis wurde ausgebaut. Inwieweit stoßen Sie da an Grenzen?

Jürgens: Es ist tatsächlich so, dass die Lehrerschaft in den vergangenen Jahren mit immer mehr Aufgaben belegt worden ist. Insofern wünscht man sich natürlich auch eine bessere personelle Ausstattung. Wenn man den Berechnungsmaßstab des Landes zugrunde legt, haben wir momentan sogar eine leichte Überbesetzung von 1,6 Stellen. Im Vergleich sind wir also sehr gut ausgestattet. Aber es kommt nicht nur auf Quantität, sondern vor allem auch auf Qualität an. Mir ist es als Schulleiter wichtig, dass ich engagierte, gute Leute habe. Und die hatte ich stets.

Die pädagogische Arbeit steht angesichts der Digitalisierung des Unterrichts vor großen Veränderungen. Wie sehen Sie die Realschule dahingehend aufgestellt?

Jürgens: Noch sind wir weit von dem Idealzustand entfernt, den sich die Verfechter der Digitalisierung erträumen. Nicht nur die notwendige Hardware fehlt. Auch muss das Kollegium entsprechend fortgebildet werden. Die Digitalisierung ist zweifelsohne das Gebot der Stunde, man darf indes eines nicht vergessen: Der Erwerb von Lernkompetenzen in der Schule wird immer grundlegend bleiben. Digitalisierung kann nur ein Hilfsmittel dazu sein.

Wenn Sie zurückschauen: Was ist Ihnen in ihrer Schullaufbahn hier an der Realschule in Erinnerung geblieben? Was ist besonders gut gelungen, worauf sind Sie vielleicht auch stolz? Auf der anderen Seite: Was hat nicht so geklappt wie erhofft?

Jürgens : Da fällt mir eine ganze Menge ein. Stolz oder besser dankbar bin ich dafür, dass ich seinerzeit eine gut geführte Schule übernehmen durfte und das Level – zumindest einigermaßen, hoffe ich – halten konnte. Das öffentliche Ansehen der Schule war damals sehr hoch und ich habe den Eindruck, dass sich das nicht verändert hat. Das ging natürlich nur im Team. Was auf der anderen Seite immer ein schwieriger Punkt war und ist, ist die Begegnung mit Tod und Trauer. Das hat es in immer mal wieder gegeben. Gerade für junge Menschen sind solche Verluste schwer verarbeitbar.

Im Primär-, aber zunehmend auch mit Sekundarbereich wird es immer schwieriger, Personen zu finden, die bereit sind, Verantwortung als Schulleiter zu übernehmen. Was muss sich ändern?

Jürgens: Ich war damals bereit dazu und habe Vorteile gesehen, was die aktive Mitgestaltung von Schule betrifft. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, muss vorhanden sein. Das ist eine Bürde. Eine Schraube, an der man drehen könnte, ist sicherlich die Begrenzung der Verwaltungsarbeit.

Parallel zur schulischen Tätigkeit waren Sie viele Jahre als Trainer auch hochklassiger Fußballvereine engagiert. Was hat Sie dazu bewegt?

Jürgens: Ich halte es nach wie vor für sehr wichtig, dass, gerade wenn man pädagogisch tätig ist, sich auch weitere Felder sucht, in denen man sich bewegt und auch mit Menschen zusammenkommt. Für mich waren die Jahre im Fußball auch ein Ausgleich, weil es eine ganz andere Welt war, in die ich mich einbringen konnte. Mit jungen Leuten etwas auf den Weg bringen, das hat mich gereizt. Ich muss aber sagen, dass es zumindest teilweise für mich auch bis ans Limit ging. 2014 habe ich dann wegen des zu hoch werdenden Aufwands einen Schlussstrich gezogen.

Ab kommender Woche sind Sie nun Ruheständler, Sie hätten wieder zeitliche Kapazitäten, um Ihrer früheren Leidenschaft wieder nachzugehen....

Jürgens: Ich würde in der Tat grundsätzlich eine neues Engagement im sportlichen Bereich nicht ausschließen - als sportlicher Leiter, aber auch als Trainer. Ich würde mir das aber zutrauen, ich fühle mich noch fit genug für eine solche Aufgabe. Aber es muss auch passen - für beide Seiten.

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