Friedhofsgärtnerfamilie Geißler
Die Seelsorge gehört mit dazu

Burgsteinfurt -

„Wir sind verwachsen mit der Kirchengemeinde“, sagen die Geißlers. Der Familienname ist in Burgsteinfurt untrennbar mit der Friedhofsgärtnerei der Ev. Kirchengemeinde verbunden. Am 1. Juli 1969 übernahmen Manfred und Sigrid Geißler das Amt von Max Krollig, der seinerzeit in den Ruhestand ging. Aus Anlass des 50-jährigen Firmenbestehens zogen sie eine Bilanz.

Donnerstag, 11.07.2019, 16:06 Uhr aktualisiert: 12.07.2019, 14:18 Uhr
Vor 50 Jahren, genau am 1. Juli 1969, übernahmen Sigrid (2.v.l.) und Manfred (3.v.l) Geißler das Friedhofsgärtneramt von ihrem Vorgänger. Schon seit einigen Jahren sind mittlerweile auch die Kinder Ralf und Heike mit im Betrieb.
Vor 50 Jahren, genau am 1. Juli 1969, übernahmen Sigrid (2.v.l.) und Manfred (3.v.l) Geißler das Friedhofsgärtneramt von ihrem Vorgänger. Schon seit einigen Jahren sind mittlerweile auch die Kinder Ralf und Heike mit im Betrieb. Foto: Ralph Schippers

Als Manfred Geißler Ende der 1960er-Jahre von der Evangelischen Kirchengemeinde gefragt wurde, ob er es sich vorstellen könne, das Amt des selbstständigen Gärtners für den Friedhof an der Ochtruper Straße zu übernehmen, war das für ihn zunächst keine Option. Der Job, den er zu der Zeit bei einer Gartenbaufirma in Münster ausübte, war sehr interessant und auch lukrativ. „Ich habe seinerzeit bei den Böschungsarbeiten an der Hansalinie mitgearbeitet“, erzählt Geißler. Bis in die Rhön hinein kann er noch heute fast jeden Baum zeigen, den er entlang der Autobahn gepflanzt hat. Dann aber sah der Burgsteinfurter doch die Vorteile einer ortsnahen Tätigkeit und beschloss, zusammen mit seiner Frau Sigrid, auf das Angebot einzugehen. Am 1. Juli 1969 übernahmen die Geißlers die Gärtneraufgaben von Max Krollig, der seinerzeit in den Ruhestand ging. 50 Jahre ist das her.

„Es war die richtige Entscheidung, wir würden es wieder so machen“, sagt Sigrid Geißler rückblickend. Sie und ihr Mann fühlen sich nach all den Jahren regelrecht verwachsen mit der Gemeinde, wie sie sagt. Die Eheleute sind beide nach wie vor aktiv im Beruf – sie als Buchhalterin, er im Geschäft –, wenngleich auch die nächste Generation schon längst mit im Boot ist: Tochter Heike seit 21 Jahren, Sohn Ralf schon seit einem Vierteljahrhundert.

Für die beiden jüngeren Kinder der Geißlers war der Berufsweg quasi vorgezeichnet. „Ich wusste schon als Sechsjähriger, wie man Rasen einsät“, sagt Ralf. Und seine Schwester Heike ergänzt: „Wir haben oft auch mal auf dem Friedhof ausgeholfen und hatten schnell unsere Spitznamen weg: Friedhofskinder!“

Was hat sie gereizt, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten? „Der Job ist sehr abwechslungsreich, die Aufgaben sind weit verteilt“, nennt Heike Geißler als Hauptgrund. Es gehe längst nicht nur um die Pflege von Grabstellen, Rasenflächen oder Wege. Der Friedhofsgärtner der Ev. Kirchengemeinde Burgsteinfurt übernimmt von jeher auch Aufgaben, die anderswo Bestatter wahrnehmen. Er begleitet Beerdigungen, bereitet Trauergottesdienste vor. Dabei geht es längst nicht nur darum, Blumenschmuck anzubringen oder die Mikrofonanlage einzurichten. „Wir sind auch Seelsorger“, sagt Bruder Ralf. Die Geißlers sind so etwas wie Vertrauenspersonen, die Trauernden sprechen nicht nur mit den Geistlichen, sondern oft auch mit ihnen über Trauer, Verlust und Tod. „Das sind mitunter sehr tiefgründige Gespräche“, weiß Ralf Geißler zu berichten. Er betrachtet diesen seelischen Beistand als sehr wichtigen Teil der Arbeit und nimmt sich, wie die übrigen Familienmitglieder auch, viel Zeit dafür.

Was für die Angehörigen eines Verstorbenen gilt, trifft im übrigen auch auf die Geistlichen der Gemeinde zu. „Wir hatten stets eine sehr enge Beziehung zu den Pastören“, sagt Manfred Geißler. Mangels Sakristei an der Friedhofskapelle ziehen sich diese für die Trauerfeier bei den Geißlers, die gleich gegenüber des Friedhofs ihr Zuhause haben, um. „Und hernach gibt es noch eine Tasse Kaffee, bei der über die Trauerfeier geredet wird“, ergänzt Ehefrau Sigrid.

Die gärtnerische Pflege der ihnen anvertrauten Gräber und Flächen auf dem Friedhof nimmt als ureigenste Aufgabe des Berufes indes eine große und wichtige Rolle ein. Die Familienmitglieder schätzen die Tätigkeit inmitten der Natur. „Es ist wie eine grüne Oase hier“, spricht Ralf Geißler die vielfältige Flora und Fauna an, die sich in Jahrzehnten entwickelt hat. Die Anlegung des Friedhofes geht auf das Jahr 1872 zurück.

In den vergangenen Jahren habe sich das Erscheinungsbild des Gräberfelds indes merklich verändert, bemerkt Heike Geißler. Da seien zum einen die sich wandelnden Präferenzen bei der Bepflanzung. „Wo früher Heide oder Azaleen gesetzt wurden, sind es heute mediterrane Pflanzen wie Lavendel“, berichtet die Gärtnergesellin. Dies sei zum einen wohl dem Klimawandel geschuldet, habe aber auch sicher mit dem Anspruch zu tun, Gräber möglichst pflegeleicht zu gestalten. Apropos: Der Anteil von Schotterflächen habe auch auf dem Friedhof zugenommen. Aber es gebe Grenzen: „Mehr als zwei Drittel sind seitens der Friedhofsverwaltung nicht erlaubt.“

Als noch viel stärker empfinden die Geißlers die Veränderungen, die sich durch die Bestattungskultur ergeben haben. Seit etwa Mitte der 1990er-Jahre sei der Wandel zu beobachten, der weg von der Erdbestattung in Reihen- oder Familiengräbern und hin zur Urnenbeisetzung – jüngst auch in einer Gemeinschaftsanlage – gehe. Den Angehörigen mit der Pflege der eigenen Grabstelle nicht zur Last zu fallen – das sei wohl der Hintergrund, der viele diese Begräbnisform wählen lasse. Die Geißlers begrüßen die größer werdende Vielfalt der Bestattungsformen, sehen aber auch Grenzen. Ein Kolumbarium zum Beispiel wäre nicht so ihr Ding, das sagen sie ganz offen.

Was an weiteren Veränderungen auf den Friedhof in der Zukunft kommen wird? Die Geißlers können es nicht sagen. Fest steht, sie wollen die Familientradition fortsetzen. Wer weiß, vielleicht irgendwann auch in der dritten Generation.

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