Ehepaar Feld berichtet über „Tödliche Medizin“
Zwölf Opfer in Steinfurt

Burgsteinfurt -

Mit einem der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte beschäftigte sich der Historiker Dr. Willi Feld mit seiner Frau am Dienstag in der voll besetzten Niedermühle. Sein Thema: „Tödliche Medizin – Opfer des NS-Gesundheitssystems in Burgsteinfurt und Borghorst“. 120 000 „lebensunwerte Menschen“, wie es bei den Nationalsozialisten hieß, seien während der Nazi-Zeit ermordet worden, zwölf Opfer in Steinfurt nachgewiesen, die Zahl dürfte aber noch höher sein, so Dr. Feld.

Donnerstag, 17.10.2019, 15:06 Uhr aktualisiert: 18.10.2019, 16:32 Uhr
Das Ehepaar Feld referierten in der Niedermühle über „Tödliche Medizin – Opfer des NS-Gesundheitssystems“.
Das Ehepaar Feld referierten in der Niedermühle über „Tödliche Medizin – Opfer des NS-Gesundheitssystems“.

Hinzu kamen Zwangssterilisierungen, um der „Degeneration des deutschen Volkskörpers“ entgegenzuwirken. Der Druck sei so immens gewesen, dass die Betroffenen die Sterilisation selbst beantragt hätten. Es wurden so genannte Erbgesundheitsgerichte eingerichtet, für Steinfurt war eines in Münster zuständig. Betroffen waren Blinde, Taube, Epileptiker, Schizophrene, Alkoholiker, sogenannte Asoziale.

Während der Zeit des Nationalsozialismus sei die „Rassenpflege“ als Lebensfrage eines Volkes dargestellt worden. 1939 erschien in der Burgsteinfurter Presse ein Artikel über den Rassegedanken, in dem die Notwendigkeit der „Bereinigung“ wie bei Ackerbau und Viehzucht dargestellt wurde, so Dr. Feld weiter.

Der Referent schilderte Einzelfälle aus den Steinfurter Ortsteilen, darunter Opfer, die sich selbst das Leben nahmen, „weil sie nicht damit fertig wurden, zu den ‚Lebensunwerten´ zu gehören“. Den Rassegesetzen gab der Historiker eine Mitschuld an den Selbstmorden.

Er ging weiter auf die Aktion T4 ein, eine Tarnorganisation, die für die Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen verantwortlich war. In Berlin, Tiergartenstraße 4, wurde dazu eine Zentralstelle eingerichtet. Hitler hatte dafür keine staatliche Institution beauftragt, so Dr. Feld, sondern seine private Kanzlei. Sie war zuständig für die Erfassung der potenziellen Opfer durch Meldebögen, die die Anstalten für ihre Patienten ausfüllen mussten, sowie für die Bestellung von ärztlichen Gutachtern.

Rund 30 000 Krankenakten von Opfern der NS-Euthanasie sind im Bundesarchiv in Berlin gespeichert. Nach intensivem fachlichen Austausch und vor dem Hintergrund des breiten Einvernehmens darüber, dass im Zeitalter der Inklusion die Opfer der NS-Euthanasie nicht länger verschwiegen werden dürfen, hat sich das Bundesarchiv zur Veröffentlichung der Daten entschlossen. Wie Dr. Feld berichtete, habe auch er sich dazu entschlossen, die Namen der Opfer aus Burgsteinfurt und Borghorst öffentlich zu nennen. Seinem Vortrag folgte zunächst betretenes Schweigen.

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