Von Fußball und selbstschließenden Türen
Flachland statt Fjorde

Ann-Therese Rocke kommt aus Norwegen, ist 17 Jahre alt und verbringt ein Jahr in Steinfurt. Im Interview mit der Jugendfrei-Redaktion erzählt sie von ihren Eindrücken und wie sie sich bisher hier eingelebt hat.

Freitag, 22.11.2019, 00:00 Uhr aktualisiert: 22.11.2019, 14:24 Uhr
Ann-Therese Rocke (vorne links) ist für ein Jahr in Steinfurt als Austauschschülerin. Im Interview mit Jugendfrei erzählt sie über ihre bisherige Zeit in Deutschland, warum die Türen nerven und warum das Schulsystem in Norwegen besser ist.
Ann-Therese Rocke (vorne links) ist für ein Jahr in Steinfurt als Austauschschülerin. Im Interview mit Jugendfrei erzählt sie über ihre bisherige Zeit in Deutschland, warum die Türen nerven und warum das Schulsystem in Norwegen besser ist. Foto: Ann-Therese Rocke

Viele Schüler aus Steinfurt zieht es nach der Schulzeit ins Ausland. Raus aus der Provinz rein in die Welt und etwas erleben. Doch gelegentlich verirren sich auch Schüler aus anderen Ländern in unsere Kreisstadt. Ann-Therese Rocke ist 17 Jahre alt und kommt aus Norwegen. Sie verbringt ein Jahr in Deutschland, geht hier zur Schule, spielt Fußball und lernt das deutsche Leben und viele neue Leute kennen. Mit der Organisation „AFS“ hat sie die nötige Unterstützung für ihr Vorhaben bekommen. Die Agentur hat ihr die Gastfamilie in Steinfurt vermittelt. Die Organisation sucht stetig neue Familien, die bereit sind, Schüler aus aller Welt aufzunehmen und ihnen ein Auslandsjahr zu ermöglichen. Die Jugendfrei-Redaktion sich mit Ann-Therese getroffen und viele interessante Dinge über sie und ihre Erlebnisse erfahren.

WN: Hallo Ann-Therese, wie bist du darauf gekommen, ein Jahr in Deutschland zu verbringen ?

Ann-Therese: Ich habe viele Freunde, die letztes Jahr ein Austauschjahr gemacht haben. Sie sagten, dass es sehr cool und ein schönes Erlebnis war und deshalb haben sie mir empfohlen, auch eines zu machen. Da mein Vater deutsch ist, habe ich zwischenzeitlich fließend deutsch gesprochen. Als ich in die Schule gekommen bin, habe ich aber nur noch norwegisch gesprochen. Deshalb habe ich viel von der Sprache vergessen. Mit 14 habe ich mich dann für ein Austauschjahr entschieden, um die Sprache wieder zu lernen und meiner Familie in Deutschland nicht immer nur mit „ja“ und „nein“ zu antworten.

WN: Was für Erwartungen hattest du und wurden diese erfüllt?

Ann-Therese: Ich wusste, dass Deutschland eher flach ist und nicht viel Strand hat. Gehofft habe ich, dass ich in eine nette Familie komme, hier Fußball spielen kann und die Schule schaffe. Vieles hat auch geklappt. Ich bin bei einer tollen Familie, habe viele Freunde gefunden und kann Fußball spielen. Allerdings fällt mir die Schule schwer, obwohl ich Deutsch ganz gut verstehe. Etwas verwirrt hat mich, dass ihr schon um 13 Uhr zu Mittag esst. Bei uns gibt es dann nur ein Brot und um 17 Uhr erst was Großes.

WN: Was gefällt dir denn bisher an Deutschland und was stört dich?

Ann-Therese: Ich mag die Brötchen hier, in Norwegen essen wir nur Brot. Auch dass wir immer mit der Familie zusammen essen gefällt mir. Und vor allem, dass es hier so flach ist und ich nicht so viele Berge mit dem Fahrrad hoch muss wie zu Hause. Eigentlich gefällt mir alles hier, die Schule, meine Mannschaft. Was mich allerdings stört, ist, dass die Türen sich selbst abschließen. Ich hab mich schon einmal drei Stunden ausgesperrt. Und dass wir keine Handys in der Schule benutzen dürfen und noch so viele Zettel mitbekommen.

WN: Wie unterscheidet sich das deutsche Schulsystem von Eurem?

Ann-Therese: Ein Unterschied ist, dass wir mehr Technik benutzen können. Der Staat finanziert Computer für uns und es läuft viel mehr digital, auch Hausaufgaben. Unsere Grundschule geht bis zur zehnten Klasse, Noten gibt es erst ab der Achten. Schulstress ist bei uns ein großes Thema. Ab der Elften können wir Schwerpunkte wählen. Ich habe mich für ein „normales“ Gymnasium entschieden mit dem Fokus auf Sport. Es gibt auch mehr Fächer wie Rechtswissenschaft, Physiologie oder Ökonomie. Unsere Klausuren gehen einen Tag lang und nicht wie hier nur ein paar Stunden, dafür haben wir nur eine im ganzen Halbjahr.

WN: Unterscheidet sich die deutsche Jugend von der in Norwegen?

Ann-Therese: Nein, eigentlich nicht so viel, aber hier dürfen Jugendliche zum Beispiel schon ab 16 Alkohol trinken, in Norwegen ist es ab 18 erlaubt. Ich glaube, dass in Deutschland die Jugendlichen auch mehr Alkohol trinken. In meinem Heimatland gibt es mehr Partys bei jemandem zu Hause als öffentliche Partys. Außerdem dürfen wir ab 16 mit den Eltern Auto fahren und ab 18 kann man, wenn man die Prüfungen bestanden hat, auch alleine fahren.

WN: War es denn schwierig für dich hier Anschluss zu finden?

Ann-Therese: Nein, ich habe in der Schule und in der Fußballmannschaft viele Freunde gefunden. Ich bin keine schüchterne Person und ich verstehe fast alles, was meine Freunde sagen. Meine Gastfamilie will auch nicht, dass ich nur zu Hause sitze, sondern auch in meiner Freizeit mit Freunden zusammen bin. Das hilft mir, deutsch zu lernen. Die Deutschen sind offener als wir Norweger. So ist es leichter, Freunde zu finden. Ich habe eine gute Bindung zu meiner Familie. Wir können über alles sprechen und sie sind sehr interessiert, mich kennenzulernen.

WN: Du bist jetzt schon eine Weile hier und hast schon einiges gesehen. Würdest du dich wieder für ein Auslandsjahr entscheiden?

Ann-Therese: Ich möchte vielleicht nach der Schule hier in Deutschland studieren, aber wenn ich die Wahl hätte, noch ein Auslandsjahr zu machen, würde ich nicht noch einmal nach Deutschland gehen, weil ich ja hoffentlich nach diesem Jahr gut Deutsch sprechen kann. Dann würde ich vielleicht in die USA gehen, um besser Englisch zu lernen.

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