Ungewöhnliche Umnutzung
Kicken in der Kirche

Steinfurt/Wettringen -

Ein Gotteshaus wird zum Kolumbarium oder auch zur Bibliothek – von diesen Umnutzungen profanierter Kirchgebäude hat man schon gehört. Aber eine ehemalige Kirche, in der Fußball gespielt wird? Die ehemalige Kapelle des Josefshauses, von Sellen nur einen Steinwurf entfernt, bietet diese Möglichkeit seit neuestem.

Mittwoch, 01.01.2020, 15:10 Uhr
Sakrale Gewölbe, Lichtillumination und Fußballtore in einem Raum: Die Atmosphäre in der Soccer-Kirche ist etwas ganz Neues – das spornt die Kicker ganz offensichtlich an.
Sakrale Gewölbe, Lichtillumination und Fußballtore in einem Raum: Die Atmosphäre in der Soccer-Kirche ist etwas ganz Neues – das spornt die Kicker ganz offensichtlich an. Foto: Sven Rapreger

„Das sieht ja übertrieben geil aus! Kann man hier einfach so zocken?“ Die Jungs der A1 von Vorwärts Wettringen sind sichtlich beeindruckt, als sie in die Kirche kommen. Kirche? Ja, Kirche! Soccer-Kirche! Denn im Kapellengebäude des St. Josefshauses ist ein neun mal 18 Meter großer Indoor-Fußballplatz entstanden. Und hier kann seit gut vier Wochen Fußball „gezockt“ werden. Investor Berthold Krümpel hat es möglich gemacht. Er ist Pächter der profanierten Kirche unweit der Steinfurter Stadtgrenze, hat dort zunächst die „Kunstkirche“ eingerichtet und nun die „Soccer-Kirche“. In den kälteren Monaten, von Mitte September bis Mai, gibt es jetzt also Fußball statt Kunst in der Kirche.

Der Kunstrasenplatz ist seit der Eröffnung gut gebucht, die ersten Kindergeburtstage wurden bereits gefeiert. Und die Resonanz ist super: „Ich bin sehr zufrieden“, sagt Berthold Krümpel und weist auf Einträge im Gästebuch, in dem die Einträge von „toll“ bis „sensationell“ reichen.

Der Soccer-Court wird begrenzt durch eine circa ein Meter hohe Bande sowie einen Fangnetzkäfig, der den Ball immer im Spiel hält – und verhindert, dass der Ball auf die Malereien an den Kirchenwänden prallt. Denn die A-Jugend-Spieler haben einen ganz schönen Hammer, wie sich zeigt. Er habe auch erhebliche Schallschutzmaßnahmen umgesetzt, erklärt Krümpel. Denn in der Kirche leben und arbeiten ja auch die Künstler der Künstlergemeinschaft Wettringen (KGW). Und auch zwei neue Ferienwohnungen sind dort entstanden.

Die Idee, die Kirche nicht nur für Kunst, sondern auch sportlich zu nutzen, habe er schon gehabt, als er 2015 Pächter wurde, erzählt Krümpel. In den vergangenen Monaten hat er sie endlich zusammen mit seinen Mitarbeitern umgesetzt. Ende November luden er und seine Lebensgefährtin Carina Wisse zur Eröffnung ein.

„Erst wollte ich eine Kletterkirche“, schildert er. Doch dafür hätte man ausgebildetes Personal gebraucht und die Kunst-Kirche hätte nicht weiterbetrieben werden können, weil Kletterwände nur dauerhaft installiert werden können.

Und Kunst und Architektur sind nun mal seine Leidenschaft. „Es reizt mich, historische Gebäude zu erhalten und umzunutzen“, beschreibt der selbstständige Immobilienprojektentwickler seine Motivation. Die Begeisterung für historische Gebäude und deren Weiterentwicklung entdeckte er während seines Studiums, als er sich mit der Umnutzung landwirtschaftlicher Gebäude beschäftigte.

„Hier sind wir relativ entspannt rangegangen“, erzählt er. Die Investitionen hielten sich im Rahmen. „Wir haben aber auch viel wiederverwendet.“ So wurde beispielsweise die Theke für den großzügigen modernen Lounge-Bereich gebraucht gekauft und dann professionell aufgearbeitet. Dass sie mal in einer Pommesbude stand, ist ihr nicht mehr anzusehen. Auch die Kirchenbänke– ganz in Weiß – sind kaum wiederzuerkennen. Ideengeber fürs „Upcycling“, nicht nur in der Soccer-Kirche, sondern auch bei vielen anderen Projekten, ist Frank Höffer, pädagogischer Leiter der Camphill-Werkstätten in Burgsteinfurt.

Krümpel ist überzeugt, dass sich die Soccer- und Kunstkirche rentabel betreiben lässt. Er verzichtet auf Personal: Die Kunden erhalten Zutritt über einen Zugangscode und bedienen sich im Loungebereich selbst. Der Court biete perfekte Bedingungen für jüngere Kinder „5 gegen 5“ und für Erwachsene „4 gegen 4“. Einen Soccer-Cage für’s Spiel „1 gegen 1“, ein Schussgeschwindigkeitsmessgerät, Airhockey- und Kickertisch gibt es obendrauf, ohne zusätzliche Kosten. Statt Fußball kann man in der Halle auch Volleyball oder Badminton spielen – Netze sind vorhanden. Die Preise sind vergleichsweise günstig: Der Tarif für 45 Minuten wochentags in der Zeit von 10 bis 17.30 Uhr beträgt 22 Euro, 17.30 Uhr bis 22 Uhr: 38 Euro. Es gibt verschiedene Angebotspakete.

A-Jugend-Trainer Jens Kormann ist mit den Bedingungen in der Soccer-Kirche jedenfalls gut zufrieden. Das habe schon einen besonderen Charme, in der Kirche zu trainieren. Und dann ruft er die Spieler, die gerade nicht auf dem Court stehen ins Treppenhaus und lässt sie ein paar Treppenläufe absolvieren.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7164602?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686838%2F
Nachrichten-Ticker