Prozess gegen Mutter, die ihrem Kind Methadon gegeben hat
„Bündel verschiedener Motive“

Steinfurt/Münster -

Warum die 34-jährige Steinfurterin ihrem heute vier Jahre alten Kind Methadon gegeben hat? Das Gutachter-Duo hatte aus psychologischer und psychiatrischer Sicht keine eindeutige Erklärung. „Es ist wahrscheinlich ein Bündel von verschiedenen Motiven“, zog Prof. Dr. Norbert Leygraf als Mediziner und forensischer Psychiater ein Fazit seiner Untersuchungen. Die Mutter selbst hatte immer wieder gesagt, sie habe die Ersatzdroge verabreicht, damit das Kind besser schläft.

Dienstag, 07.01.2020, 17:04 Uhr
 
  Foto: dpa

Ein Verdacht der Experten: Die Steinfurterin, die sich derzeit wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vor dem Landgericht Münster verantworten muss, hat ihrem Kind das Mittel gegeben, um es krank zu machen und dann als besonders fürsorgliche und aufopferungsvolle Mutter dazustehen. Fachleute sprechen in so einem Fall vom Münchhausen-by-Proxy-Syndrom. Aufgrund der „vielfältigen Widersprüche“, in die sich die Angeklagte immer wieder verwickelt habe, sei es aber schwer, „sich ein Gesamtbild zu machen“, sagte Leygraf am Dienstag vor der 21. Großen Strafkammer des Landgerichts.

Aufgrund der bei dem Kind diagnostizierten Krankheiten hält es der Gutachter nicht für ausgeschlossen, dass es sehr viel länger als die angeklagten sechs bis acht Wochen das Methadon nehmen musste. Der Staatsanwalt fragte direkt nach: „Haben Sie ihrem Kind Methadon durchgängig gegeben?“ Gegenfrage der Mutter: „Warum hätte ich dann sechs bis acht Wochen sagen sollen?“ Antwort des Anklagevertreters: „Weil sich acht Wochen charmanter anhören als drei Jahre.“ Auf diese Frage wird es keine eindeutige Antwort mehr geben, aus Gutachtersicht steht hingegen fest: Die 34-Jährige ist voll schuldfähig.

Der dritte Verhandlungstag endete tränenreich für die Frau auf der Anklagebank. Der Staatsanwalt hatte zuvor festgestellt, dass sich ihr bisheriges Leben auf Lügen aufgebaut habe. „Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach einer möglichen Inhaftierung?“, fragte der Vertreter der Anklage. Und auch die Vorsitzende Richterin wollte wissen: „Was soll denn mal werden?“ Nach einigem Nachhaken sagte die Steinfurterin: „Ich möchte in die Nähe meiner Mutter ziehen, vom Methadon loskommen und als Speditionskauffrau arbeiten.“

Der Vater des Kindes, ein 41-jähriger Borghorster, ist erst 2017 dahintergekommen, dass seine damalige Lebensgefährtin tablettensüchtig ist. „Ich habe Pillen bei ihr gefunden“, sagte der Zeuge. Dann sei ans Licht gekommen, dass seine Partnerin insgesamt 11 000 Euro Schulden durch ihre Sucht angehäuft hatte – Kredite und unbezahlte Rechnungen, unter anderem bei Internethändlern, wo sie die Medikamente bestellt hatte.

Das vierjährige Kind ist seit kurz vor Weihnachten bei seinem Vater. „Es geht ihm gut“, sagte der 41-Jährige auf Nachfrage. Seit dem Krankenhausaufenthalt im letzten Mai, als einem Oberarzt aufgefallen war, dass das Kind unter Drogen stand und die Polizei eingeschaltet worden war, sei es nicht mehr beim Arzt gewesen. Mit der Angeklagten hatte der Mann das letzte Mal kurz nach ihrer Inhaftierung Kontakt. „Da hat sie angerufen und gesagt, dass es ihr Leid tut.“ Ob er noch mit 34-Jährigen zusammen sei, wollte der Staatsanwalt wissen. Antwort: „Für mich gibt es die Beziehung nicht mehr.“

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