Fahrradwerkstatt der Anti-Rost-Initiative
Senioren sorgen für Mobilität

Steinfurt -

Mittwochvormittag in der Fahrradwerkstatt der Anti-Rost-Initiative Steinfurt: Zu Fünft schrauben, flicken und putzen die Ehrenamtlichen an Gebrauchträdern, damit diese anschließend für ihre neuen Besitzer gute Dienste leisten können. 80 bis 90 Räder bringen die Ehrenamtlichen jährlich für Hilfsbedürftige auf Vordermann.

Mittwoch, 15.01.2020, 18:00 Uhr
Blick in die Fahrradwerkstatt der Anti-Rost-Helfer in der früheren Mädchentoilette der Nikomedesschule: Jeder Winkel wird genutzt, um Ersatzteile zu lagern, Bewegungsspielraum ist kaum mehr vorhanden.
Blick in die Fahrradwerkstatt der Anti-Rost-Helfer in der früheren Mädchentoilette der Nikomedesschule: Jeder Winkel wird genutzt, um Ersatzteile zu lagern, Bewegungsspielraum ist indes kaum mehr vorhanden. Foto: rs

Mittwochvormittag in der Fahrradwerkstatt der Anti-Rost-Initiative Steinfurt: Zu Fünft schrauben, flicken und putzen die Ehrenamtlichen an Gebrauchträdern, damit diese anschließend ihren neuen Besitzern gute Dienste leisten können. Einer, der von Anfang an mit dabei ist, ist Johannes Sinningen. „Das Arbeiten in der Gemeinschaft für den guten Zweck macht einfach Spaß“, sagt der 68-Jährige. Der gelernte Tischler ging vor sechs Jahren in Rente, fühlte sich aber noch zu jung, um fortan seine Hände in den Schoß zu legen. Nachdem er aus der Zeitung erfahren hatte, dass die damals noch recht junge Initiative Mitstreiter sucht, packte er die Gelegenheit am Schopf und stellte sich bei den Helfern vor. Die nahmen den Borghorster mit offenen Armen auf. Heute ist er jeden Mittwoch aktiv in der von Erich Minnebusch geleiteten Zweiradmechaniker-Truppe, die neben dem Kleinstauftragsdienst für Seniorenhaushalte zweites „Standbein“ der seit 2012 bestehenden Einrichtung ist.

Das Angebot wurde 2015 in erster Linie aus der Taufe gehoben, um Flüchtlinge mobil zu machen. Gute viereinhalb Jahre später ist die Nachfrage weiter ungebrochen. „Wir bringen noch immer jedes Jahr rund 80 bis 90 Fahrräder an den Mann beziehungsweise die Frau“, sagt Heinz Homölle. Der 76-Jährige ist daher wie alle Anti-Rost-Helfer froh, dass die Bereitschaft der Steinfurter, Alträder für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen, ebenfalls nach wie vor hoch ist. Viele Räder erhält die Initiative zudem aus dem Fundus des städtischen Fundbüros. Nach einer gründlichen Durchsicht und Reparatur defekter Teile werden die Leezen gegen eine Pauschale von 25 Euro an ihre neuen Besitzer übergeben. Wichtige Daten wie Name, Adresse, Nachweis der Hilfsbedürftigkeit sowie Rahmennummer und Datum der Übergabe werden sorgfältig protokolliert. „So behalten wir stets den Überblick“, sagt Homölle.

Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Und so schauen die Anti-Rost-Helfer fast immer in glückliche Gesichter, wenn sie ein Rad übergeben. So wie in das von Marvan Alhasan. Der kurdische Syrier sucht an diesem Tag einen Drahtesel für seinen Sohn – und wird bald fündig.

Wichtig ist Homölle zu betonen, dass die Fahrradwerkstatt kein Reparaturbetrieb ist. Ein Defekt, der an einem abgegebenen Gebrauchtrad auftritt, werde nicht von den Ehrenamtlichen beseitigt. „Wir wollen dem professionellen Radhändlern nicht die Arbeit wegnehmen“, stellt Homölle klar.

In der Werkstatt hängt Willi Geise derweil ein weiteres Rad an die Haken der Aufhängevorrichtung. Drei davon gibt es in dem relativ kleinen Raum. „Es geht schon sehr eng zu hier“, lacht der 76-jährige Borghorster. Aber man sei froh, nachdem der Bahnhof nicht mehr als Domizil der Werkstatt zur Verfügung stand, in der Nikomedesschule eine neue Bleibe gefunden zu haben. Bürgermeisterin Claudia Bögel-Hoyer hatte sich persönlich dafür eingesetzt.

Mittlerweile aber stoßen die Helfer an Grenzen, kommen sich nicht selten gegenseitig ins Gehege. Jeder Winkel der ehemaligen Mädchentoilette, die für den neuen Zweck umgebaut wurde, wird genutzt, um Ersatzteile vorzuhalten. Ein Abdach, das der MGV zuvor nutzte, gehört ebenfalls zum Lager. Auch wenn sie es nicht offen sagen: Eine geräumigere Bleibe würde den Männern, die sich so selbstlos ehrenamtlich engagieren, sicher einiges erleichtern.

Inzwischen ist es halb zwölf. Feierabendzeit für die Anti-Rost-Helfer. Die Werkstatt wird aufgeräumt, jeder Handgriff sitzt. Einen Kaffee noch, dann geht es nach Hause. Am nächsten Mittwoch werden sie alle wieder den Schraubenschlüssel in die Hand nehmen und auf Vordermann gebrachte Drahtesel an neue Besitzer übergeben – immer mit dem guten Gefühl, etwas sehr Sinnvolles für Hilfsbedürftige getan zu haben.

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