Renaturierung des Frischhofsbachs in Hollich geht in die konkrete Phase
Pilotprojekt für ökologische Freiheit

Steinfurt -

Nach rund einem halben Jahrhundert in engem Korsett, bricht für den Frischhofsbach nun ein neues Zeitalter an: Das Stichwort heißt Renaturierung, der Motor, der dahinter steckt, ist die Wasserrahmenrichtlinie, die die Europäische Union auch für viele weitere Fließgewässer im Kreis Steinfurt vorgibt und deren Umsetzung derzeit läuft.

Dienstag, 03.03.2020, 20:40 Uhr aktualisiert: 04.03.2020, 16:52 Uhr
Gemeinsam für mehr Naturnähe am Frischhofsbach-Oberlauf (v.l.):
Gemeinsam für mehr Naturnähe am Frischhofsbach-Oberlauf (v.l.): Foto: Ralph Schippers

Der Frischhofsbach ist nach dem vielen Regen der vergangenen Tage an diesem Montagmorgen gut gefüllt. Vereinzelt lässt die Grasnarbe an der Uferböschung erkennen, dass Wasser übergetreten ist und sich auf die angrenzenden Felder ergossen hat. Eine Ausnahme: Denn das Gewässer, das seine Quelle nahe des Windmühleneschs in Hollich hat und nach Durchfließen der gesamten Bauerschaft sowie Teile des Wettringer, des Neuenkirchener und des Emsdettener Gemeindegebiets bei Rheine in die Ems mündet, ist in seinem Oberlauf bis Höhe Clemenshafen Ende der 1960er-Jahre begradigt worden. Eine schnelle und effektive Entwässerung war seinerzeit vorrangiges Ziel.

Nach rund einem halben Jahrhundert in engem Korsett, bricht für den Bach nun ein neues Zeitalter an: Das Stichwort heißt Renaturierung, der Motor, der dahinter steckt, ist die Wasserrahmenrichtlinie, die die Europäische Union auch für viele weitere Fließgewässer im Kreis Steinfurt vorgibt und deren Umsetzung derzeit läuft.

Beim Frischhofsbach sind neben dem Umweltamt und der Naturschutzstiftung des Kreises sowie dem Landwirtschaftsverband auch der Unterhaltungsverband als Maßnahmeträger involviert. Das ehrgeizige Ziel, das im Kreis Steinfurt im Rahmen des Fließgewässerentwicklungsprogramms Pilotcharakter für viele weitere ähnliche Vorhaben hat: Auf einer Länge von 5,4 Kilometern soll der Bach im Bereich Hollich/Wettringen/Neuenkirchen naturnah umgestaltet werden. „In dieser Größenordnung und vor allem Durchgängigkeit ist das bislang einzigartig“, sagt Udo Schneiders vom Umwelt- und Planungsamt des Kreises. Eine Million Euro wird dafür in die Hand genommen, zu 80 Prozent werden die Kosten vom Land getragen, den Rest trägt die Naturschutzstiftung des Kreises bei.

Im Herbst sollen die Bagger in Hollich anrücken und mit der Umgestaltung beginnen. Auf durchschnittlich 18 Metern wird dann die Flächenbreite inklusive Wasserfläche, auf dem sich der Bach entwickeln kann, verbreitert, kündigt Marion Eiken vom Kreis in seiner Funktion als Untere Wasserbehörde an.

Das Erscheinungsbild des Gewässers soll sich radikal verändern: Heimische Gehölze vom Weißdorn bis zur Erle werden ebenso gepflanzt wie zum Beispiel Röhrichtbestände. Die bislang eher monotone Morphologie des Flussbettes wird durch Steilufer, Sandbänke und das Einbringen von Totholz ins Fußbett wesentlich variantenreicher gestaltet.

Die Maßnahmen zielen zum einen darauf ab, die faunistische wie auch floristische Artenvielfalt zu erhöhen, wie Clarissa Stegemann von der Naturschutzstiftung betont. Zum anderen werden aber auch Ökopunkte generiert, die als Ausgleich für Bauvorhaben angerechnet werden können.

Ein großes Paket also, dessen Vorbereitung viel Zeit in Anspruch genommen hat. Denn sämtliche Flächen müssen vor Beginn grundbuchlich gesichert, die betroffenen Landwirte nach einem aufwendigen Schlüssel für die Zurverfügungstellung ihres Bodens entschädigt werden.

„Die Akzeptanz bei den Landwirten ist groß“, berichtet Johann Prümers vom Wasserverband Westfalen-Lippe und als Landwirtschaftssprecher. Die Bereitschaft, sich an dem Projekt zu beteiligen, sei durchweg gegeben. Dies sei indes auch notwendig, da eine Entschädigung erst dann gezahlt werde, wenn die Maßnahme auf kompletter Länge vollzogen wird. Die Trägerschaft von Seiten des Unterhaltungsverband sei dabei der richtige Ansatz gewesen, so Prümers.

„Viel Einsatz war erforderlich“, bestätigt auch Verbandsvorsitzender Werner Schultealbert aus Neuenkirchen. Auch die seinerzeit nach der Begradigung nicht durchgeführte Flurbereinigung nicht unerheblichen Anteil gehabt, dass der Maßnahmenbeginn immer wieder nach hinten geschoben werden musste.

Jetzt aber ist dieser nicht nur in Sicht, er ist auch notwendig. Die Akteure stehen unter Druck: Bis 2027 muss die Wasserrahmenrichtlinie der EU umgesetzt sein. Allein im Kreis Steinfurt gibt es über 500 Kilometer Fließgewässer, deren naturnähere Gestaltung noch ansteht. Kein Wunder also, dass alle auf den Vorreiter schauen: Den Frischhofsbach in Hollich. Er soll, so der Plan aller Beteiligten, spätestens Mitte 2021 wieder mit mehr Nähe zur Natur fließen – wie einst vor Anlegung der Fesseln der Begradigung.

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