Reinhard Övermann passt regelmäßig die Atommülltransporte in Steinfurt ab
Aufklärung mit dem Geigerzähler

Burgsteinfurt -

Die beiden Schüler, die am Gleis eins auf ihren Zug warten und den rot beplanten Güterwaggons hinterherschauen, bestärkten Reinhard Övermann in seinem Tun. „Was war das denn gerade?“, fragt einer der Jugendlichen. Der pensionierte Elektrotechnik-Ingenieur bleibt stehen, fingert den orangenen, handygroßen Geigerzähler aus seiner Jackentasche und erzählt: „Das war ein Atommülltransport aus Gronau. Die Fracht geht jetzt in ein Lager nach Russland.“ Ob die Strahlung denn gefährlich sei, wollen die beiden wissen. Övermann bemüht sich um eine neutrale Antwort: „Die war 30 Mal höher als normal. Deswegen fällt man aber nicht gleich tot um.“

Montag, 09.03.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 10.03.2020, 15:26 Uhr
Reinhard Övermann misst mit seinem Geigerzähler die Strahlung direkt am Atommülltransport, der hier durch Burgsteinfurt rollt.
Reinhard Övermann misst mit seinem Geigerzähler die Strahlung direkt am Atommülltransport, der hier durch Burgsteinfurt rollt. Foto: Axel Roll

 

Seit einem halben Jahr versucht der 63-jährige Burgsteinfurter jeden Atommülltransport, der durch Steinfurt rollt, mit seinem Geigerzähler zu erwischen. Die Züge werden natürlich nicht öffentlich angekündigt. Övermann ist aber gut vernetzt, betont er vielsagend. Und er hat Augen im Kopf. Der Hubschrauber der Bundespolizei zum Beispiel ist ein sicheres Zeichen dafür, dass wenig später in Gronau Behälter mit abgereichertem Uranhexafluorid auf die Schiene gehen. An diesem Mittag sind es zwölf Waggons, wie das Netzwerk Övermann aufs Handy spielt.

Warum dieses Engagement? Der Pensionär muss nicht lange überlegen. „Ich halte die Urananreicherung für extrem gefährlich.“ Darum müssten die Menschen darüber aufgeklärt werden, was direkt vor ihrer Haustür passiert. Reinhard Övermanns Fernziel: „Die Abschaltung der Anlagen und die Unterbrechung der Atomkette.“

Die Strahlung aus den Metallzylindern ist nach Auffassung des Burgsteinfurters nur eines von vielen Risiken, die von der Urananreicherung ausgeht. Das Horrorszenarium wäre für Reinhard Övermann, wenn das Uranhexafluorid austreten würde.

Gründe könnte es für den Atom-Aktivisten viele geben. Ein defektes Ventil an einem der frei gelagerten Behälter. „In Gronau in der Anlage von Urenco lagern 43 000 Tonnen, das entspricht dem Uran-Inhalt von 215 Atomkraftwerken.“ Flugzeugabstürze, Terror, Krieg – oder nur die Witterung könnten nach Darstellung des Burgsteinfurters weitere Gründe für eine Gefährdung der Menschen sein.

Dass die Züge nach Övermanns Beobachtung im Schnitt alle drei Wochen durch Steinfurt fahren, weiß kaum jemand, wie der Pensionär immer wieder feststellt. Genau wie die beiden Schüler an Gleis eins. Einer fragt: „Fahren die hier öfter?“ Reinhard Övermann nickt.

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