Interview mit Prof. Dr. Christopher Niehues zur Lösung des Schutzausrüstungsproblems
100 Millionen Masken auf Vorrat

Steinfurt -

Die Medien sind voll davon: Es gibt zu wenig Schutzausrüstung in den Krankenhäusern. Warum OP-Masken bei Covid-19 wenig bringen und welche Lehren man aus den Versorgungsengpässen ziehen muss, erklärt Prof. Dr. Christopher Niehues vom Fachbereich Gesundheit der FH Münster.

Mittwoch, 25.03.2020, 16:20 Uhr aktualisiert: 26.03.2020, 16:32 Uhr
Prof. Dr. Christopher Niehues hofft, dass man aus der Corona-Krise Lehren zieht.
Prof. Dr. Christopher Niehues hofft, dass man aus der Corona-Krise Lehren zieht. Foto: Wilfried Gerharz

 

 

Herr Prof. Niehues, wenn es um Schutzausrüstung geht, was genau ist damit gemeint?

Niehues: Schutzausrüstung ist eine besondere Ausrüstung, um sogenannte CBRN-Gefahren zu bewältigen. Die Buchstaben stehen für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren. Die im Falle der Covid-19-Pandemie benötigte Schutzausrüstung besteht in der Regel aus Atemschutz, Schutzbrille und Overall bzw. Schutzkittel.

Maske ist ja nicht gleich Maske. Worauf kommt es an, damit ein Schutz vor Covid-19 gewährleistet ist?

Niehues: Entscheidend ist die Partikelundurchlässigkeit. Um die zu gewährleisten, ist für medizinisches Personal mindestens die Schutzklasse FFP2 erforderlich. Mundschutzmasken dieser Kategorie haben einen viel besseren Filter und liegen sehr eng an. Da geht an den Seiten nichts durch, auch keine Partikel. Diesen Schutz kann eine herkömmliche OP-Maske überhaupt nicht leisten. Das Problem: Man kann FFP2-Masken im Krankenhaus nur einmal verwenden. Schon wenn man sie mehrere Stunden trägt, können sie ihre Wirkung verlieren. In Zeiten von Covid-19 brauchen die Krankhäuser sehr viele Masken. Seit Jahren empfehlen Experten, für Deutschland mehr als 100 Millionen Masken zu bevorraten. Denn für eine Pandemie haben die Krankenhäuser keine Vorräte.

Warum ist das so?

Niehues: Es gibt zwei Gründe. Zum einen zählt die Bevorratung von Schutzausrüstung für Pandemien zur Daseinsvorsorge. Aber in den Krankenhäusern gibt es keine Finanzierung dieser Daseinsvorsorge, weshalb man keine großen Vorräte lagern kann. Die Krankenkassen zahlen nur das tatsächlich verbrauchte Material in Form von Fallpauschalen, eine Vorratshaltung ist aus rein wirtschaftlichen Gründen also gar nicht möglich. Das andere Problem ist, dass sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene mehrere Ministerien zuständig sind. Viele Beteiligte sind also involviert, und das macht die Situation nicht einfacher. Die aktuellen Versorgungsengpässe waren letztendlich leider vorhersehbar.

Dieses Problem versucht man jetzt weltweit zu lösen.

Niehues: Ja, das stimmt. Neben der Entwicklung eines Impfstoffes versuchen Wissenschaftler mit Hochdruck herauszufinden, wie die Masken so wiederaufbereitet werden können, dass eine mehrfache Nutzung möglich ist. Zusammen mit den Forschern des Instituts für Konstruktions- und Funktionsmaterialien (IKFM) der FH Münster – Prof. Kreyenschmidt, Prof. Mertins und ihre Laborteams – sowie Experten der Uniklinik Münster versuchen wir ebenfalls einen kleinen Beitrag zur Lösungsfindung zu leisten.

Was genau machen Sie?

Niehues: Wir konzentrieren uns auf FFP2-Masken mit Polypropylenfaservliesen. Dieser Maskentyp wird sehr häufig verwendet. Verschiedene Sterilisations- und Desinfektionsverfahren wurden an diesen Masken auf ihre Eignung getestet. Ein gängiges Verfahren in den Krankenhäusern ist das Autoklavieren. Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass mit diesem Verfahren die Schweißnähte der Masken geschädigt werden können, sodass an diesen Stellen Risse entstehen und die Filterwirkung verloren geht, und das ist natürlich fatal. Die neueren Ergebnisse zur chemischen Desinfektion, die das IKFM-Team derzeit entwickelt, sind in Bezug auf die Materialeigenschaften positiv. Es sind aber noch weitere Untersuchungen zur verbleibenden Keimbelastung und zur Toxizität erforderlich, und schließlich muss das Verfahren unter Alltagsbedingungen getestet werden. Man muss aber auch ganz klar sagen: Das ist nur ein absoluter Plan B – für den Fall, das wirklich gar nichts mehr da ist. Noch haben die Krankenhäuser genug Masken, und China scheint wieder zu liefern.

Das war länger nicht der Fall. Ist auch das ein Grund für die Versorgungsengpässe?

Niehues: Ja, absolut. Wir in Deutschland kaufen die Schutzausrüstung zwar bei deutschen Händlern und Herstellern. Aber diese lassen sie überwiegend im Ausland produzieren. Schätzungsweise 70 Prozent importieren wir aus Asien, den Rest aus Großbritannien, Frankreich, der Türkei und den USA. Jetzt, wo die Produktion in China wieder losgeht, konkurrieren alle anderen Länder um diese Produkte. Das muss man sich mal vorstellen: Wir profitieren davon, dass China mit ganz autoritären Maßnahmen das Virus offenbar eingedämmt hat. China startet wieder seine Produktion, und so haben wir die Chance, doch noch Schutzausrüstung zu erhalten und Corona möglichst gut zu bewältigen.

Mit unserem Gesundheitssystem sind wir darauf gut vorbereitet, oder?

Niehues: Definitiv. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme weltweit. Fast kein Land hat so viele Intensivbetten je Einwohner wie wir. Unser Problem sind die fehlenden Fachkräfte. Vor allem Intensivpflegepersonal fehlt, dieses ist aber dringend notwendig. Denn die Beatmungstherapien bei Covid-19-Patienten sind sehr aufwendig und kompliziert, fachlich extrem herausfordernd und körperlich anstrengend. Die Patienten werden zehn, 20, sogar 30 Tage lang künstlich beatmet. Gerade die Beatmung in Bauchlagerung zur Vermeidung weiterer Lungenschäden ist extrem aufwendig.

Wenn alles überstanden ist, welche Lehren sollte man ziehen?

Niehues: Da bin ich mit vielen Experten einer Meinung: Auch, wenn die Lage jetzt hochdramatisch ist – auch mit Blick auf die volkswirtschaftlichen Schäden –, geht es im Endeffekt um einen Virus, der uns die Schwächen und Abhängigkeiten unseres Gesundheitssystems ganz klar aufzeigt. Ich bin fest überzeugt, dass ernsthaft und zügig die Zuständigkeiten neu geregelt und Vorhaltekosten für die Notfallversorgung finanziert werden. Wir haben unser Gesundheitssystem jahrelang auf Effizienz getrimmt, und das fällt uns jetzt auf die Füße. Vor allem müssen wir in Europa wieder Produktionskapazitäten für Arzneimittel, einfache Medizinprodukte und Schutzausrüstung schaffen. Früher wurde Deutschland wegen seiner vielen Pharmafirmen als Apotheke der Welt bezeichnet, heute sind wir nicht einmal in der Lage, Antibiotika ohne Vorprodukte aus Asien herzustellen. Es gibt aber natürlich auch noch weitere Lehren: Gesundheitsbehörden, Krankenhäuser und Katastrophenschutzeinheiten müssen Szenarien wie die jetzige Pandemie und andere Schadensereignisse regelmäßig üben. Und ganz wichtig: Ich hoffe, dass nach der Krise eine bessere Wertschätzung für Menschen erfolgt, die in der Pflege arbeiten. Es geht nicht nur um finanzielle, sondern auch um gesellschaftliche Anerkennung! Momentan ist der Pflegeberuf einfach unattraktiv, weil die Anerkennung fehlt, er schlecht bezahlt und die Arbeitsbelastung extrem ist. Das muss sich ändern.

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