Drei Burgsteinfurter Schüler engagieren sich als Drohnenpiloten in der Wildrettung
Fliegende Kamera spürt Kitze auf

Burgsteinfurt -

Der kleine schwarze Koffer, den Sebastian Kordts an diesem Freitagvormittag mit zum Hof Stoyke in Veltrup gebracht hat, ist unscheinbar – doch er hat es in sich. Beim Öffnen des Deckels offenbart sich Flugtechnik vom Feinsten: Eine Kamera-Drohne mit besonderen Fähigkeiten. „Die Drohne kann neben normalen Fotos und Videos auch Wärmebilder aufnehmen“, sagt der 14-jährige Schüler des Gymnasiums Arnoldinum.

Sonntag, 21.06.2020, 15:34 Uhr aktualisiert: 28.06.2020, 14:40 Uhr
Flugretter voller Begeisterung: Sebastian Kordts, Bastian Werdeling und Paul Grüneklee (v.l.) haben dank des Einsatzes moderner Drohnentechnik sechs Kitze vor dem möglichen Mähtod bewahrt. Das Wärmebild zeigt
Flugretter voller Begeisterung: Sebastian Kordts, Bastian Werdeling und Paul Grüneklee (v.l.) haben dank des Einsatzes moderner Drohnentechnik sechs Kitze vor dem möglichen Mähtod bewahrt. Das Wärmebild zeigt Foto: Ralph Schippers/privat

In den vergangenen Wochen hat er zusammen mit seinem Freund Paul Grüneklee (14) und Bastian Werdeling, Abschlussschüler der Realschule Burgsteinfurt (16), den Quadrokopter intensiv genutzt. Keineswegs zum Spaß, sondern vielmehr für die gute Sache.

„Die drei waren seit Ende April rund 20 Mal als Drohnenpiloten bei der Rettung von Kitzen mit dabei“, sagt Friedhelm Dennemann. Der Mitarbeiter des Bürgerwindparks Hollich Sellen ist zusammen mit dem LOV-Vorsitzenden Henning Stoyke einer der Initiatoren des Kitzrettungs-Projekts beider Organisationen. Aufmerksam geworden durch einen Artikel in einem Jäger-Fachmagazin hatte Dennemann Ende des vergangenen Jahres die Idee, lokal ebenfalls eine Drohne anzuschaffen. Die Anschaffungskosten für den Kopter, die immerhin im mittleren vierstelligen Bereich liegen, teilten sich Bürgerwindpark – aus dem Topf für öffentliche Förderungen – und LOV.

„Es geht uns zuallererst um Tierschutz, aber auch um ureigenste Interessen der Landwirte“, sagt Henning Stoyke. Als Milchviehhalter ist er, wie in Burgsteinfurt relativ viele Bauern, auf Futter angewiesen, das von seinen Wiesen stammt. Geraten Tiere in die Häcksler, werde das Mahdgut verunreinigt und es könnten sich Bakterien bilden, die später das Milchvieh erkranken lassen. Auch das soll vermieden werden.

Ganz oben auf der Prioritätenlist steht indes die Rettung von jungem Tierleben. Dafür betreiben Landwirte und Jäger großen Aufwand. „Die Drohnenüberfliegung des zur Mahd angemeldeten Wiesenbestands ist dabei immer nur ein ergänzendes Mittel zur vorherigen Begehung“, ordnet Dennemann das Projekt ein.

Sebastian Kordts hat die Drohne zwischenzeitlich flugfertig gemacht. Ein Ziehen an der Höhenregulierung der Steuereinheit und das registrierte und gekennzeichnete Flugobjekt steigt im Affenzahn gen Himmel. „Im Sportmodus erreicht die Drohne mehr als 70 Stundenkilometer“, weiß der junge Pilot. Seit rund anderthalb Jahren beschäftigt sich der Gymnasiast mit dem Thema, hat sich nicht nur bestens in die Materie eingearbeitet, sondern beherrscht die Steuerung auch perfekt.

Dass er den 14-Jährigen sowie seine beiden Mitstreiter für den Job der Flugkontrolle gewinnen konnte, bezeichnet Friedhelm Dennemann als Glücksfall. Der Kontakt kam über seine Tochter zustande, sie geht in die gleiche Klasse wie Sebastians Schwester.

Die Drohne, so erklären Bastian Werdeling und Paul Grüneklee, könne zwar vieles im Automatikmodus. „Die manuelle Steuerung ist aber viel flexibler, weswegen wir sie bevorzugen“, erklärt Letzterer. Sechs Mal, darauf ist das Trio stolz, ist die Drohnensuche in den vergangenen Wochen erfolgreich gewesen. Kitze wurden dank der modernen Technik aufgespürt und vor dem Mähtod gerettet. Da sie keinen Fluchtinstinkt haben, ducken sie sich bei Gefahr tief ins Gras, warten, bis die Ricke zurückkommt. Wenn die Erntemaschine näher rückt, ein fatales Verhalten...

Für dieses Jahr ist die Setzzeit des Rehwildes weitgehend abgeschlossen. Die Drohnenpiloten kommen dennoch weiter zum Einsatz – etwa bei der Wildschweinjagd. Und natürlich im kommenden Frühjahr, wenn die neue Setzzeit beginnt. Bis dahin soll ein Schema erarbeitet werden, wie die Einsätze besser koordiniert werden können. In den vergangenen Wochen war die Abstimmung untereinander und mit den Eltern relativ einfach: Coronabedingt hatten die jungen Leute relativ viel freie Zeit. Und so waren sie schnell im Feld – in der Regel schon zu Sonnenaufgang. „Dann ist er Boden noch kühl und die Tiere gut erkennbar“, sagt Sebastian Kordts.

Geschickt steuert der 14-Jährige die Drohne zurück auf ihren Landeplatz, die Flügelarme zusammenklappen und schon verschwindet das High-Tech-Gerät wieder im unscheinbaren Koffer – bis zum nächsten Einsatz. Und der kommt ganz bestimmt...

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