Entwicklung in den Kirchengemeinden
Die Kurve verläuft nach unten

Steinfurt -

Zunehmender Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust, verkrustete Strukturen, Überalterung als Folge des demografischen Wandels, sinkende Steuereinnahmen und Finanzkraft, steigende Austrittszahlen – die Kirchen stecken in einer tiefgreifenden Krise. Spürbar wird das auch an der Basis. Die Statistiken für 2019, die die Pfarrei St. Nikomedes Steinfurt aktuell und die Evangelische Kirchengemeinde Burgsteinfurt bereits zum Jahreswechsel vorgelegt haben, zeigen einen Entwicklung auf, die in fast allen Bereichen nur noch in eine Richtung geht: nach unten.

Donnerstag, 09.07.2020, 17:08 Uhr aktualisiert: 10.07.2020, 16:50 Uhr

Zunehmender Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust, verkrustete Strukturen, Überalterung als Folge des demografischen Wandels, sinkende Steuereinnahmen und Finanzkraft, steigende Austrittszahlen – die Kirchen stecken in einer tiefgreifenden Krise. Spürbar wird das auch an der Basis. Die Statistiken für 2019, die die Pfarrei St. Nikomedes Steinfurt aktuell und die Evangelische Kirchengemeinde Burgsteinfurt bereits zum Jahreswechsel vorgelegt haben, zeigen einen Entwicklung auf, die in fast allen Bereichen nur noch in eine Richtung geht: nach unten.

Die Zahlen, das machen sowohl Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld als auch Pfarrer Hans-Peter Marker deutlich, lassen sich nicht schönreden. Beide Gemeinden schrumpfen. Gehörten St. Nikomedes in 2018 noch 17 210 Katholiken an, so waren es in 2019 16 964. 5469 evangelische Gemeindeglieder gab es in 2018 in Burgsteinfurt, in 2019 sind es 5433.

Besonders auffällig in der Nikomedes-Gemeinde sind die Austritte: 111 waren es 2018, 184 sind es 2019. Ein Plus von 73 oder fast zwei Dritteln gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Gottesdienstbesuchern, Täuflinge und Erstkommunionkindern gehen ebenfalls weiter zurück. Lediglich die der Firmlinge und Brautleute sind gestiegen.

Moderater verlaufen die Kurven in der Evangelischen Gemeinde abwärts. In 2019 (30) haben ihr lediglich zwei Menschen mehr als in 2018 (28) den Rücken gekehrt. Die weiteren Entwicklungen stagnieren, gleichwohl werden sie innerhalb des verantwortlichen Presbyteriums genau beobachtet. Hans-Peter Marker, Vorsitzender des Führungsgremiums, spricht von großen Herausforderungen, die vor Ort bewältigt werden müssen. Durch die geplante Kooperation mit der Evangelischen Gemeinde Borghorst-Horstmar-Laer sei bereits Bewegung in die Pfarr- und Stellendienste gekommen. Die Neustrukturierung soll dazu beitragen, die angespannte finanzielle Lage zu erleichtern. In dem Zusammenhang müsse auch weiter an neuen Nutzungskonzepten für die Große Kirche gearbeitet werden. „Aber“, so fügt Marker an, „das allein reicht nicht. Wir müssen uns natürlich auch inhaltlich bewegen.“ Jugendarbeit sei ein zentraler Bereich, um Menschen für die Glaubensgemeinschaft zu gewinnen. Es gelte, neue Strukturen zu bilden und neue Formate zu entwickeln, mit den Menschen gezielter in Kontakt zu kommen und dort zu sein, wo der Schuh drückt. Die Corona-Krise habe da wichtige Erkenntnisse geliefert, beispielsweise zur Bedeutung und zum Einsatz neue Medien.

Auf katholischer Sicht hat insbesondere der von Priestern an Jugendlichen begangene sexuelle Missbrauch stark an der Kirche zweifeln lassen. Bischof Felix Genn hatte mit Blick auf die Entwicklung unlängst eingeräumt: „Wir haben an Relevanz für das Leben der Menschen verloren.“ „Jeder einzelne Austritt ist für uns als Gemeinde ein schmerzhafter Verlust. Dabei geht es mir nicht darum, dass die Pfarrei zahlenmäßig ein Mitglied verliert. Wenn ein Mensch unsere Kirche verlässt zeigt dies, dass er sich in dieser Gemeinschaft nicht mehr beheimatet fühlt und das darf uns als Verantwortliche keine Ruhe lassen“, kommentiert Jochen Reidegeld die Zahlen für St. Nikomedes.

Besonders alarmierend ist für den Leitenden Pfarrer, dass immer mehr engagierte Christen austreten. Und weiter: „Auf die Bereitschaft zu den dringend notwendigen Reformen in der Kirchenleitung habe ich keinen Einfluss. Aber sich darauf auszuruhen und die Verantwortung dahin abzuschieben, wäre mir zu einfach.“ Für die Institution bisheriger Prägung sei es in vielen Punkten Fünf nach Zwölf. Die Frage gehe genauso an an die Gemeinde in Steinfurt: „Wollen wir so weitermachen wie bisher? Ich möchte das nicht. Der Weg liegt für mich in einer Kirche, in der Frauen und Männer gemeinsam Verantwortung übernehmen. Hier vor Ort wünsche ich mir eine Kirche, die nicht von oben herab belehrt, sondern die zuerst zuhört und mit den Menschen fragt: Wie können wir gemeinsam für eine gerechte und menschliche Gesellschaft arbeiten.“ Eine innerkirchliche Strukturreform allein reiche nicht aus. Reidegeld: „Die Botschaft ist es, die überzeugen kann. Wenn wir als Ehren- und Hauptamtliche nicht für das Evangelium brennen, können wir mit dieser Botschaft auch niemanden anstecken. Und ich bin auch davon überzeugt: Nicht als katholische oder evangelische Gemeinde haben wir eine Zukunft, sondern nur als Gemeinschaft von Christen.“

 

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7487412?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686838%2F
Nachrichten-Ticker