Steinfurter IT-Sicherheitsexperte über die Corona-Warn-App
Lohnendes Experiment

Steinfurt -

Die Corona-Warn-App will vor allem eins: Infektionsketten unterbrechen. Wie genau sie funktioniert und warum sie datenschutzrechtlich unbedenklich ist, erklärt IT-Sicherheitsexperte Prof. Dr. Sebastian Schinzel von der Fachhochschule in Steinfurt. Er sagt, der gerade aufgedeckten Software-Panne zum Trotz: „Wer sie noch nicht hat, sollte sie downloaden – und mitmachen bei diesem besonderen Experiment.“

Sonntag, 26.07.2020, 15:04 Uhr
Steinfurter IT-Sicherheitsexperte über die Corona-Warn-App: Lohnendes Experiment
Foto: FH Münster/Kipp u. Gerharz

 

Prof. Schinzel, die Corona-Warn-App wurde seit Tag eins der Entwicklungsphase heiß diskutiert. Was sagen Sie Skeptikern?

 

Schinzel: Dass sie sich keine Sorgen machen sollen. Mit der App ist uns in Deutschland etwas richtig Gutes gelungen: Informatiker haben sich mit Wissenschaftlern der Epidemiologie zusammengetan, um etwas zu entwickeln, das uns im Kampf gegen das Virus unterstützen kann. Leider gibt es immer wieder Fehlinterpretationen und Verschwörungstheorien, die wirklich erschreckend sind.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist der Datenschutz. Was ist da dran?

 

Schinzel: Die App arbeitet nach einem dezentralen Modell. Das bedeutet: Der Abgleich, ob zum Beispiel ich mit jemandem Kontakt hatte, der mit Corona infiziert ist, findet nur auf meinem Smartphone statt, nicht auf einem zentralen Server. Der Server weiß lediglich, wenn jemand positiv getestet wurde – und dieses Wissen hat das Gesundheitsamt auch. Mit Blick auf den Datenschutz ist die App einwandfrei.

Wie genau funktioniert sie?

 

Schinzel: Wenn die Corona-Warn-App installiert ist, schickt das Smartphone via Bluetooth vom eigenen Standort sogenannte Bea­cons – das sind zufällig aussehende Zahlenfolgen – an die Smartphones in der Nähe. Gleichzeitig sammelt es die Beacons der anderen in der Umgebung ein. Dadurch entsteht eine lokale Datenbank auf dem jeweils eigenen Smartphone mit den Bea­cons der Smartphones jener Menschen, die in der Nähe waren. Wird jemand positiv auf Corona getestet, erhält der- oder diejenige vom Gesundheitsamt eine Art TAN. Die gibt man in die Corona-Warn-App ein. Erst dann lädt die App die eigenen Beacons auf einen zentralen Server. Von diesem Server lädt die App sich täglich alle Beacons infizierter Benutzer herunter und gleicht sie mit der eigenen lokalen Datenbank ab. Das passiert also alles dezentral. Niemand kann durch die App herausfinden, welche sozialen Kontakte jemand hat oder wo man wann unterwegs war.

Trotzdem machen sich einige Menschen Sorgen und befürchten zum Beispiel, dass die App auf persönliche Daten auf dem Smartphone zugreift.

 

Schinzel: Ja, aber dieses Argument zieht einfach nicht. Sobald ich ein Smartphone habe, werden meine Standortdaten erhoben. Der Messenger-Dienst WhatsApp lädt regelmäßig mein Adressbuch herunter. Die Google-Dienste sind bekannt dafür, dass sie Benutzerdaten analysieren. Dagegen sind die Daten, die die Corona-Warn-App erhebt, vollkommen unkritisch, weil sie nur lokal gespeichert werden. Warum soll man jetzt dem Robert Koch-Institut weniger vertrauen als anderen App-Anbietern? Man muss sich das mal vergegenwärtigen: Die App wurde nach langen Diskussionen maximal datenschutzfreundlich ausgelegt und dann in wenigen Wochen von SAP und Telekom entwickelt und ausgerollt. Das geschah in einer Transparenz und in einer Qualität, die wir so bislang in einem öffentlichen Projekt noch nicht gesehen haben.

Ein weiterer Kritikpunkt: die hohen Kosten.

 

Schinzel: Die Entwicklung hat in der Tat 20 Millionen Euro gekostet. Ohne Zweifel ist das viel Geld. Warum das so teuer war, dazu gibt es meines Wissens nach noch keine detaillierte Stellungnahme. Ich vermute, dass die Anbindung an das deutsche Gesundheitssystem viel Geld verschlungen hat. Denn die Labore, die Corona-Tests durchführen, müssen TANs rausgeben. Damit das gelingt, mussten erst einmal Prozesse aufgebaut werden, und das war sicherlich aufwendig.

Inzwischen ist die App seit einigen Wochen verfügbar. Wann weiß man, ob die App mittlerweile tatsächlich funktioniert?

 

Schinzel: Die App funktioniert soweit, dass tatsächlich Benutzer über Kontakte zu Corona-Positiven informiert werden. Jetzt müssen die Epidemiologen prüfen, ob diese Kontakte auch zu Infektionsketten gehören. Ich persönlich hoffe natürlich, dass die App bei der Eindämmung der Pandemie helfen kann. Wichtig ist es, dass möglichst viele Menschen bei diesem Experiment mitmachen und sich nicht entmutigen lassen. Die Forscher bleiben ständig am Ball, und wir sollten ihnen vertrauen. Die App ist ein guter Ansatz.

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