Steinfurter FH-Experte klärt auf, warum Klimaanlagen das Virus nicht verbreiten
An oder aus?

Steinfurt -

ob Raumlufttechnische-Anlagen (RLT-Anlagen) generell Virenschleudern sind. „Nein, denn dank der modernen Filtertechnik lässt sich mittlerweile eine Luftqualität in geschlossenen Räumen herstellen, die frei von Bakterien und Viren ist. Der richtige Betrieb der Klimaanlage ist dabei natürlich vorauszusetzen“, sagt Prof. Dr. Bernd Boiting von der FH in Steinfurt, Experte für Raumluft- und Kältetechnik am Fachbereich Energie-Gebäude-Umwelt.

Dienstag, 04.08.2020, 15:24 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 15:30 Uhr
Prof. Dr. Bernd Boiting (kl. Bild) sieht beim richtigen Betrieb und geltenden deutschen Standards keine Gefahr für eine vermehrte Verbreitung des Coronavirus durch Vollklimaanlagen. HEPA-Filter sind besonders feine Taschenfilter, die selbst feine Aerosole filtern können. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Steffen Jacobs baut hier einen neuen Filter in eine Klimaanlage ein.
Prof. Dr. Bernd Boiting (kl. Bild) sieht beim richtigen Betrieb und geltenden deutschen Standards keine Gefahr für eine vermehrte Verbreitung des Coronavirus durch Vollklimaanlagen. HEPA-Filter sind besonders feine Taschenfilter, die selbst feine Aerosole filtern können. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Steffen Jacobs baut hier einen neuen Filter in eine Klimaanlage ein. Foto: FH/Kraehling

Der Fall Tönnies und die Klimaanlage – wegen der niedrigen Temperatur, einer geringen Frischluftzufuhr und einer konstanten Luftumwälzung in der Halle soll die Lüftungs- und Kühlungsanlage zur enormen Verbreitung des Coronavirus im Schlachtbetrieb beigetragen haben. Stellt sich die Frage, ob Raumlufttechnische-Anlagen (RLT-Anlagen) generell Virenschleudern sind. „Nein, denn dank der modernen Filtertechnik lässt sich mittlerweile eine Luftqualität in geschlossenen Räumen herstellen, die frei von Bakterien und Viren ist. Der richtige Betrieb der Klimaanlage ist dabei natürlich vorauszusetzen“, sagt Prof. Dr. Bernd Boiting von der FH in Steinfurt, Experte für Raumluft- und Kältetechnik am Fachbereich Energie-Gebäude-Umwelt.

Egal, welche Bauart zum Einsatz kommt, ob Klimaanlagen mit Frischluftzufuhr oder sogenannte Split-Geräte, die ausschließlich die Raumluft kühlen und umwälzen, es geht um die richtigen Filter und die richtige Luftfeuchtigkeit. „Wir setzen beim Sprechen, Lachen oder Singen immer feine Tröpfchen frei, durch die Coronaviren übertragen werden können. Ist die Luft feucht, sinken diese Tröpfchen schnell ab und stellen bei ausreichendem Abstand kaum eine Gefahr dar. Ist die Luft sehr trocken, entzieht sie den Tröpfchen die Feuchtigkeit. Sie werden kleiner und leichter und fliegen dementsprechend weiter“, erklärt Prof. Boiting.

Gerade im Winter, wenn Raumluft häufig trocken und warm sei, stelle das in Bezug auf Bakterien und Viren ein erhöhtes Infektionsrisiko dar. Deshalb soll die relative Luftfeuchtigkeit in einem Raum zwischen 30 und 65 Prozent liegen. Also müssen Klimaanlagen nicht nur kühlen oder wärmen, sondern auch die Luftfeuchtigkeit regeln. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die richtigen Filter.

Schwebstofffilter, sogenannte HEPA-Filter (Hocheffiziente Partikelfilter), sind ausreichend fein, um Partikel sowie Aerosole und die daran haftenden Coronaviren aus der Luft zu filtern. Allerdings stellen diese Filter einen hohen Kostenfaktor dar. Aufgrund ihrer enormen Filterwirkung bringen sie zudem einen erheblichen Druckverlust mit sich, der den Energiebedarf der Ventilatoren ansteigen lässt. „Wer diesen finanziellen Schritt nicht gehen will und eine Klimaanlage mit Frischluftzufuhr und Umluftfunktion betreibt, hat in Zeiten von Corona eine Möglichkeit: Man verzichtet auf die Umluft und erhöht den Frischluftanteil auf 100 Prozent. Damit verdünnt die RLT-Anlage die Virenkonzentration in ausreichendem Maße.

Moderne Klimaanlagen arbeiten so, dass sie Außenluft ansaugen, auf die entsprechende Temperatur herunterkühlen oder erwärmen und die Feuchtigkeit regeln. Anschließend wird die Luft in den Raum abgegeben. Die verbrauchte Luft wird als Abluft abgesaugt, gefiltert und ein Teil dessen als Umluft in den Zirkulationskreislauf zurückgeführt.

Im Gegensatz dazu stehen Split-Klimageräte. Sie bestehen aus einem Außengerät und einem Innengerät. Im Innengerät verdampft Kältemittel und entzieht im Umluftbetrieb dem Raum die sommerliche Wärme. Die wird an das Außengerät geleitet und dort abgegeben. „Wer ein Split-Gerät betreibt, hat nur die Möglichkeit einen entsprechenden Filter einzusetzen oder das Gerät ganz auszuschalten“, sagt Boiting. Zusätzlich kann man mit Bestrahlung dem Coronavirus entgegentreten: „Dabei werden Leuchtstoffröhren mit ultraviolettem Licht in die Luftkanäle eingebaut. Die Viren strömen an dem extrem kurzwelligen Licht vorbei, was ihr Erbgut schädigt. So können sie sich nicht mehr vermehren.“

Auch sonst tue sich einiges in der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA) aufgrund der aktuellen Problematik. So wurden mobile Geräte entwickelt, die HEPA-Filter und Umluftventilatoren in einem Gerät kombinieren, um die Aerosole aus der Raumluft zu fischen.

Unabhängig davon sieht Prof. Boiting für Deutschland keine Gefahr einer verstärkten Verbreitung des Coronavirus durch Klimaanlagen. Denn in Deutschland sei seit langem der Einsatz moderner Klimaanlagen Standard, die die vorgeschriebenen hohen Hygieneanforderungen erfüllen.

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