Corona-Verordnungen halten den Fachdienst in Atem
Von Routine noch keine Rede

Steinfurt -

Holger Brüggemann kann die Verordnungen schon gar nicht mehr zählen, die seit März auf seinen Schreibtisch eingeprasselt sind. Und auch wenn aus dem Dauerfeuer immer neuer Vorgaben des Landes mittlerweile Einzelschüsse geworden sind, kann von einer Corona-Routine im Steinfurter Rathaus noch lange keine Rede sein. Das jüngste Vorschriftenpaket aus dem Düsseldorfer Gesundheitsministerium ist gerade einmal eine Woche alt – und schon jetzt ist klar, dass es ab November wieder ein neues geben wird. Wenn nichts Unvorhergesehenes in der Zwischenzeit passiert.

Donnerstag, 08.10.2020, 18:20 Uhr
Holger Brüggemann und Susanne Laumann haben täglich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen.
Holger Brüggemann und Susanne Laumann haben täglich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Foto: Axel Roll

 

Fachdienstleiterin Susanne Laumann kommt erst gerade von einer Zusammenkunft mit ihren Kollegen aus dem Kreisgebiet zusammen. Was auf Länderebene nicht funktioniert, soll wenigstens im Kreis Steinfurt klappen: „Wir wollen einheitliche Regelungen, um die Bürger nicht noch mehr zu verunsichern.“ Mögen die Verordnungen des Landes noch so umfangreich sein, Interpretationsspielraum bieten sie trotzdem reichlich.

Beispiel Feiern. So erlaubt ein „herausragender Anlass“ Festlichkeiten mit bis zu 150 Personen. Was ist ein herausragender Anlass? Eine Hochzeit? Susanne Laumann: „Ganz klar.“ Aber auch der Polterabend vorher? „Der garantiert nicht.“ Auch der Junggesellenabschied rechtfertigt keine große Party-Gemeinde. Der 80. Geburtstag schon, der 18. aber eher nicht. „Feiern muss die Ausnahme bleiben“, umschreibt Holger Brüggemann den Grundgedanken, der hinter der Verordnung steht.

Bei Feiern über 50 Teilnehmern, die in einer Kneipe, einer Scheune oder in anderen Räumlichkeiten außerhalb der eigenen Wohnung stattfinden sollen, muss dem Fachdienst Sicherheit und Ordnung drei Tage vorher eine Anmeldung vorliegen mit Kontaktdaten des Gastgebers und einer Gästeliste.

Verstöße gegen Regeln können teuer werden, warnen Holger Brüggemann und Susanne Laumann. „Bei Nichtanmeldung können es schnell 500 Euro sein“, so die Fachdienstleiterin. Und nicht nur die Veranstalter werden zur Kasse gebeten: Die Teilnehmer einer unerlaubten Feier sind mit 250 Euro dabei.

Auch wenn das Ordnungsamt die Party abgesegnet hat, ist das keine Garantie dafür, dass sie auch tatsächlich stattfindet. Steigen nämlich die Infektionszahlen, kann die Fete noch kurz vorher auf amtliche Anordnung hin abgeblasen werden.

An die Maske haben sich die Steinfurter mittlerweile gewöhnt, glauben die Fachdienstmitarbeiter. „Wir mussten bislang erst ein Ordnungsgeld verhängen, weil sich jemand uneinsichtig gezeigt hat“, betont Susanne Laumann. Nach wie vor werden sie empfohlen, wo die Mindestabstände nicht eingehalten werden können. In Bussen und Bahnen, den Geschäften oder Verwaltungen oder auf den Wochenmärkten sind sie Pflicht. Und gemeint sind Masken aus Textilstoff. „Diese kleinen Plexiglasdinger, die Kinn und Nase abdecken, sind völlig nutzlos“, betont Holger Brüggemann. Die größeren Visiere sind bei all den Personen erlaubt, die den ganzen Tag über anstrengende Arbeiten zu verrichten haben oder zum Beispiel auf dem Markt im Verkaufswagen stehen.

Die Fachdienst-Mitarbeiter werden in der nächsten Zeit die Lokale in Steinfurt stärker kontrollieren. „Wir werden ein besonderes Auge auf die Listen mit den Kontaktdaten der Gäste haben“, erläutert Susanne Laumann. Sie warnt davor, sich mit falschem Namen oder Adressdaten einzutragen. „Auch das kostet 250 Euro.“ Nach wie vor sind die Lokalbetreiber gehalten, nicht größere als Zehner-Tische aufzustellen. Zehn – diese Zahl gilt auch immer noch als Obergrenze für die Anzahl von Personen, die sich in der Öffentlichkeit treffen dürfen.

Ob es in Steinfurt Weihnachtsmärkte geben wird? „Vom Prinzip ist das möglich“, so Susanne Laumann. Allerdings: Bislang haben die Werbegemeinschaften noch keine Anträge eingereicht. Außerdem müsste ein ausgeklügeltes Hygienekonzept mitgeliefert werden. Zum Beispiel mit Zehner-Tischen, die nur in festen Schichten besetzt werden dürften. „Für die Anbieter wäre das ein unheimlicher Aufwand“, befürchtet Holger Brüggemann.

Unverändert stellt sich die Situation für Versammlungen dar. Der gesellige Teil nach dem Abhandeln der Tagesordnung ist nach wie vor gestrichen. Gibt es eine nachvollziehbare Sitzordnung, kann auf die Mindestabstände verzichtet werden.

Änderungen kündigen sich für die örtlichen Sportevents an. Bislang dürfen nicht mehr als 300 Zuschauer einem spannenden Ortsderby folgen. Künftig sollen es mehr sein, allerdings muss der Verein dann ein Hygienekonzept vorlegen.

Mehrarbeit bedeutet für die Fachdienstler das Zustellen der Quarantäneverfügungen. Die konnten bislang per Postbote einfach in den Briefkasten geworfen werden. „Die müssen jetzt persönlich zugestellt werden“, sagt Holger Brüggemann. Das kann eine zeitaufwendige Angelegenheit werden, wenn die Betroffenen zum Beispiel kein Deutsch sprechen. „Dafür habe ich mir jetzt eine Übersetzungs-App heruntergeladen“, erzählt der Rathausmitarbeiter.

Die konnte ihm letzte Woche auch nicht groß helfen, war die Muttersprache des Briefempfängers doch nicht in der Smartphone-App enthalten. Da musste dann ein Übersetzer eingeschaltet werden.

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