Lütfiye Güzel gastierte in der Stadtbücherei
Sie schreibt, wie sie die Dinge sieht

Burgsteinfurt -

Starker Auftakt: In der Stadtbücherei las am Freitagabend die Lyrikerin Lütfiye Güzel. Sie sprach von der Galerie aus – die Zuhörer lauschten im Kaminzimmer.

Sonntag, 01.11.2020, 15:26 Uhr aktualisiert: 01.11.2020, 15:30 Uhr
Lütfiye Güzel (kl. Bild) las am Freitag in der Stadtbücherei, Matthias Engels moderierte. Das Publikum lauschte ihr coronakonform vom Kaminzimmer aus.
Lütfiye Güzel (kl. Bild) las am Freitag in der Stadtbücherei, Matthias Engels moderierte. Das Publikum lauschte ihr coronakonform vom Kaminzimmer aus. Foto: Rainer Nix

Coronabedingt war es am Freitag wohl die letzte Präsenzveranstaltung des Projektes „Und seitab liegt die Stadt“ des Fördervereins der Stadtbücherei Steinfurt. Online soll das Projekt aber weiterlaufen. Am Dienstag begann die Veranstaltungsreihe mit einem starken Auftakt, Freitagabend las Lütfiye Güzel, prominente Autorin und Inhaberin des Literaturpreises Ruhr, in der Stadtbücherei. Die Lyrikerin sprach von der Galerie aus, während ihre Zuhörer unten im Kaminzimmer lauschten. Der Steinfurter Schriftsteller Matthias Engels moderierte und führte Gespräche mit Güzel.

Sie schaut dem Leben genau auf die Finger und bringt höchst individuelle Gedanken zu Papier: „Ich bin zu sehr mit Traurigsein beschäftigt, um traurig zu sein.“ Thema war „Herkunft“. Das ist für Güzel ein schwieriges Thema: „Ich komme aus der Frau, die meine Mutter ist“, sagt die Autorin mit türkischen Wurzeln. Ihr Vater war Stahlarbeiter, die Mutter Hausfrau, sie wurde Lyrikerin. Bemerkenswert, ungewöhnlich. Doch diese Sichtweise behagt der in Duisburg geborenen Lyrikerin nicht: „Ich denke so nicht.“

Ihre Herkunft aus einer Migrantenfamilie will sie keineswegs verleugnen, aber genauso wenig in den Mittelpunkt stellen. „Ich fühlte mich schon immer als Beobachterin und denke nicht darüber nach, woher ich komme.“ Sie schreibt so, wie sie die Dinge sieht und kämpft dabei nicht gegen die gängige Literaturszene. Dass sie ihre Bücher selbst verlegt und sich dabei an keinen Verlag bindet, ist ihre Art, Unabhängigkeit zu leben. „Ich muss meine Bücher im Rucksack haben und selbst verkaufen“, beschreibt Güzel. Sie liest auch gern dort, wo man sie nicht erwartet. Sie betont, dass sie nicht nebenbei schreiben will, sondern ihre Leidenschaft auslebt: „Ich kann von meinen Buchverkäufen leben.“

Einordnen lassen sich ihre Werke schwer, die Lyrikerin bewegt sich nicht in der Tradition berühmter Vorbilder. Es sind viele kleine, tolle Alltagsbilder und Lebensbeschreibungen, die sie zu Papier bringt. Güzel hat ihr Publikum gefunden, schreibt ihm aber nicht nach dem Mund. „Manchmal ist man nur ein Gesicht“, lautete das kurze Gedicht, mit dem sie sich aus der Bibliothek verabschiedete.

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