Wie Sängerin und Musikpädagogin Heide Bertram die Corona-Krise als Soloselbstständige überwindet
Licht aus, Ton weg, Bühne leer

Steinfurt -

Licht aus, Ton weg, Bühne leer, Einnahmen null. Kunst- und Kulturschaffende bangen um ihre Zukunft. In der Event-Szene herrscht Alarmstufe Rot. Je länger der Kampf gegen das Coronavirus dauert, desto mehr Menschen geraten in existenzielle Nöte. Die Entwicklung macht den Betroffenen Angst. „Vielen wird gerade der Boden unter den Füßen weggezogen“, sorgt sich auch Heide Bertram um die Zukunft.

Montag, 23.11.2020, 17:34 Uhr
Heide Bertram in ihrem Arbeitszimmer, das sie zu einem Online-Studio umgebaut hat. Von dort hält sie in Corona-Zeiten den Kontakt zu ihren vier Chören und leitet, so gut es eben geht, die Übungen. Ein vollwertiger Ersatz für die Präsenzproben könne online allerdings nicht erreicht werden, bedauert die Musikpädagogin.
Heide Bertram in ihrem Arbeitszimmer, das sie zu einem Online-Studio umgebaut hat. Von dort hält sie in Corona-Zeiten den Kontakt zu ihren vier Chören und leitet, so gut es eben geht, die Übungen. Ein vollwertiger Ersatz für die Präsenzproben könne online allerdings nicht erreicht werden, bedauert die Musikpädagogin. Foto: Drunkenmölle

Seit zwölf Jahren ist die studierte Sopranistin und Musikpädagogin eine sogenannte Soloselbstständige. Sie lebt von ihren Engagements, Auftritten, Konzerten, Projekten, der Proben- und Unterrichtsarbeit mit Chören und einzelnen Schülern. Die 56-Jährige gehört in und rund um Steinfurt als Solokünstlerin oder Mitglied verschiedener Gruppen zu einer gleichermaßen beliebten wie gefragten Interpretin und Lehrerin. „Corona hat ganz viel zum Stillstand gebracht“, ist Bertram froh, dass sie immer „mehrere Eisen im Feuer“ hatte, um halbwegs ihr tägliches Brot zu verdienen. „Andere sind da viel schlechter dran“, kennt sie traurige Schicksale von Kollegen, die durch die Corona-Folgen kurz vor dem Kollaps stehen.

Bertram ist dankbar, dass ihr die vier Chöre, die sie in Steinfurt, Wettringen, Ahaus und Münster leitet, in der Krise die Stange halten. Auch als Lehrerin für Einzelunterricht ist sie hier und da noch gebucht. Für den Chorverband NRW ist sie darüber hinaus an dem Gesangsprojekt „Toni singt“ für Kindergartenkinder als Dozentin beteiligt. Sogar drei Konzerte konnte sie im Oktober geben. Ansonsten ist ihr Auftrittskalender seit Monaten leer. Ein Trauerspiel.

Um die Durststrecke zu überbrücken, hat Bertram die NRW-Landesförderung in Anspruch genommen. Was sie darüber hinaus über Wasser hält, sind das Internet und die Möglichkeiten, online mit ihren Chören und Schülern in Kontakt zu bleiben. Der Steinfurter Chor „Quodlibet“ gibt so ein Beispiel. Im Autohaus Cyran können die improvisierten Übungstreffen nicht mehr stattfinden. Stattdessen verabreden sich die Sängerinnen und Sänger mit ihrer Leiterin zur Probe online. „Das ist nicht das Chormodell der Zukunft“, sagt Bertram, „aber es ist besser als nichts. Wir bleiben in Verbindung.“ Und weiter: „Singen ist ein sinnliches Erlebnis. Ich vermisse dieses Gefühl. Wenn allerdings Raumklang und Chorerlebnis auf der Strecke bleiben, ist das ein großer Verlust für alle.“ Dennoch seien alle bemüht, das Beste aus der Situation zu machen. Bertram gesteht aber auch: „Online ist sehr fordernd und anstrengend. Es kostet Energie und Zeit. Präsenzproben lassen sich damit nicht ersetzen.“

Natürlich wünscht sich Heide Bertram von der Gesellschaft und der Politik, dass ihre und die Arbeit ihrer Kollegen größere Anerkennung erfahren. Erlebnis und persönlichen Gewinn könne man nicht nur mit Geld aufwiegen. Das sagt Heide Bertram auch, weil es ihr wichtig ist, frei arbeiten zu können, um sich künstlerisch zu entwickeln. Sie sträubt sich, den Mainstream zu bedienen, nur um überleben zu können. Bertram: „Das will ich nicht. Das bin ich nicht. Dann würde ich lieber in einer Bäckerei Brötchen verkaufen.“

Was Heide Bertram in dieser nachdenklich machenden Zeit darüber hinaus beschäftigt, ist es, ein Sabbat-Jahr einzulegen. „Der Wunsch wird immer konkreter in mir“, sagt sie. Um sich die Auszeit erlauben zu können, will sie ihre Ersparnisse opfern. Bis dahin will sie eingegangene Verpflichtungen erfüllen. Parallel arbeitet sie aber jetzt schon an den Vorbereitungen, neue Wege zu gehen. Dabei wird es unter anderem um die Produktion experimenteller Musikvideos gehen, die sich mit der Einsamkeit, Verlassenheit, der Schönheit und dem Verfall vergessener Orte beschäftigen. „Eine Stimme klingt in jedem Raum anders“, will Bertram Widerhall und Resonanz unterschiedlicher Klanglandschaften beschreiben.

Alles wird allerdings aber auch davon abhängen, wann und wie die Krise überwunden wird. „Hoffentlich“, so Bertram, „gehen die Lichter bald wieder an und der Vorhang hoch.“

 

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