Aus Syrien geflüchteter Wael Sharaf ist in Kurzarbeit – und engagiert sich ehrenamtlich bei der Tafel
„Froh, dass wir ihn haben“

Burgsteinfurt -

Er kam als mittelloser Flüchtling 2015 nach Deutschland: Fünf Jahre später ist Wael Sharaf in Steinfurt gut integriert, hat einen festen Job und spricht die Sprache seiner neuen Heimat fließend. Der gebürtige Syrer ist dankbar und möchte der Stadt und ihren Bewohnern etwas zurückgeben: Seit Oktober engagiert er sich einmal wöchentlich in der Tafel – und möchte das auch beibehalten, wenn seine Kurzarbeit im Reisebüro endet.

Donnerstag, 03.12.2020, 16:08 Uhr
Wael Sharaf bei seiner Arbeit in der Tafel: Immer mittwochs hilft er für zwei bis drei Stunden mit – aktuell in der Sortierung. Er schätzt den Kontakt zu den Ehrenamtlichen.
Wael Sharaf bei seiner Arbeit in der Tafel: Immer mittwochs hilft er für zwei bis drei Stunden mit – aktuell in der Sortierung. Er schätzt den Kontakt zu den Ehrenamtlichen. Foto: rs

Die Damen von der Mittwochsgruppe der Steinfurter Tafel „sind sehr froh, dass wir ihn haben“. Seit Anfang Oktober greift Wael Sharaf ihnen bei der Vorsortierung von Gemüse, Obst und anderen Frischwaren für die Kunden der gemeinnützigen Einrichtung unter die Arme. Wenn‘s sein muss, gilt das auch fürs Kartonschleppen. Dafür sind die Ehrenamtlerinnen ihrem männlichen Neuzugang dankbar. Der 38-jährige gebürtige Syrer, der 2015 dem Schreckensregime des Diktators Assad den Rücken kehrte und von Damaskus nach Deutschland floh, arbeitet beruflich im Reisebüro Extratour. Dort hat er im vergangenen Jahr seine Ausbildung abgeschlossen, wollte durchstarten – und wurde, wie die ganze Branche, von der Corona-Pandemie abrupt ausgebremst. Kurzarbeit war angesagt – und damit verbunden freie Zeit. Die hätte der Syrer beispielsweise nutzen können, um seine seinerzeit noch in der alten Heimat angestrebte Promotion – er besitzt einen Masterabschluss im Tourismusfach – näherzukommen. Doch Wael Sharaf entschied sich anders: „Ich wollte etwas für Steinfurt tun, dem Ort und den Menschen etwas zurückgeben“, sagt er rückblickend.

Für die Art und Weise, wie er seinerzeit in der Kreisstadt aufgenommen worden ist, wie ihm als einzelner, mittelloser Flüchtling geholfen wurde, sei er sehr dankbar. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, jetzt, da er die Sprache gelernt, eine Ausbildung beendet und vor Ort bestens integriert sei, selbst etwas für diesen zu tun. „Ich kannte die Tafel und habe mir gedacht, dort kann ich meine freie Zeit sinnvoll nutzen“, erklärt der 38-Jährige, wie es zu dem Kontakt mit Harry Agethen kam. Der Tafelmitarbeiter zeigte sich erfreut über sein Angebot, das gerade in Corona-Zeiten sehr willkommen gewesen sei, wie er deutlich macht. „Wir haben das Problem, dass aufgrund der Pandemie nicht wenige ältere Ehrenamtliche abspringen. Sie wollen als Angehörige der Risikogruppe ein solches nicht mehr eingehen“, berichtet Agethen. Nach einem Vorstellungsgespräch mit einem genaueren gegenseitigen Kennenlernen und einer Führung durch die Einrichtung konnte Wael Sharaf gleich loslegen.

Seitdem ist der Syrer immer mittwochs vormittags zwei bis drei Stunden lang in der Lebensmittelsortierung eingebunden. „Die Arbeit macht mir Spaß. Ich schätze das Miteinander mit den älteren Tafelmitarbeitern, und meine Sprache verbessern kann ich auch noch“, zählt er Vorteile aus seiner Sicht auf. Mit der Tätigkeit an der Bahnhofstraße knüpft der 38-Jährige übrigens an eine ganz ähnliche ehrenamtliche Beschäftigung im Dorfladen in Horstmar-Leer an. Dort hatte er sich nach seiner Flucht zunächst engagiert, bevor er zum Reisebüro nach Burgsteinfurt ging.

Mit seinen 38 Jahren gehört der gläubige Moslem zu den jüngsten Mitarbeitern der Tafel. Der Altersdurchschnitt liegt bei rund 70 Jahren, sagt Harry Agethen. Es geht aber noch jünger als bei dem Neuzugang aus Syrien: Schon seit mehr als einem Jahr gehören zwei Studierende der FH zum Mitarbeiterstamm.

Zusammen mit Tafelsprecher Josef Schräder rührte Agethen beim Pressetermin die Werbetrommel für weitere Mitstreiter, die sich in den Dienst am Nächsten stellen wollen. Die Zeiten, sich gerade jetzt für eine solche Tätigkeit zu entscheiden, seien zwar nicht sehr günstig. Aber die Tafel sei auf Ehrenamtsarbeit angewiesen, um ihre Aufgabe erfüllen zu können.

Was die Pandemie betrifft, so tue man alles, um die Gefahren einzudämmen. Neben den üblichen Schutzauflagen verfügt die gemeinnützige Einrichtung seit Neuestem über einen zusätzlichen Raum, der die Abläufe in der Ausgabe entzerrt. Zudem werde in Kürze ein Luftreinigungsgerät installiert, das ein Sponsor zur Verfügung stellt. Darüber hinaus freut sich die Tafel über weitere (Geld-)Spender, wobei Schräder und Agethen insbesondere auf die noch laufende Adventsaktion hinweisen.

Mit Geld kaum aufzuwiegen sei die Tätigkeit der Ehrenamtlichen – so wie bei Wael Sharaf. Der 38-Jährige bringt so viel Motivation mit, dass er sich auch über das Ende seiner Kurzarbeit hinaus eine Unterstützung der Tafel vorstellen kann. „Wenn es erforderlich ist, auch am Wochenende.“

Wegen der Corona-Pandemie findet die Adventsaktion zugunsten der Tafel in diesem Jahr nicht als Lebensmittelsammlung statt. Stattdessen sind Geldspenden willkommen. Von diesem kaufen die Tafel-Mitarbeiter dann haltbare Lebensmittel. Spenden können unter dem Stichwort „Adventsaktion Steinfurter Tafel“ auf das Konto des Verbandes der katholischen Kirchengemeinden (Kontoinhaber) bei der Kreissparkasse Steinfurt (IBAN: DE82 4035 1060 0014 0010 10) überwiesen werden. Spendenquittungen werden auf Wunsch gerne ausgestellt.

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