Verein „Wie wollen wir leben?“ diskutiert neue Siedlungsmodelle
Anders wohnen in Steinfurt

Steinfurt -

Fachleute sprechen vom sogenannten Donut-Effekt. Er beschreibt, wie die Zentren von Städten und Gemeinden zunehmend veröden während die Randbezirke immer größer werden. Mit vergleichbare Wanderungsbewegungen beschäftigen sich zurzeit immer mehr Stadtplaner. In Steinfurt haben Politik und Verwaltung die Diskussion mit der Entwicklung des „Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepts“ (ISEK) angestoßen. Das Thema ist jetzt auch vom Verein „Wie wollen wir leben?“ in einem Werkstattgespräch behandelt worden.

Donnerstag, 25.02.2021, 15:59 Uhr aktualisiert: 26.02.2021, 15:09 Uhr
Das Luftbild von Burgsteinfurt macht deutlich, wie die Stadt immer mehr in den Randbezirken mit Ein- und Zweifamilienhäusern gewachsen und der Flächenverbrauch gestiegen ist. Gleichzeitig herrscht, insbesondere bei jungen Leuten, Wohnungsnot.
Das Luftbild von Burgsteinfurt macht deutlich, wie die Stadt immer mehr in den Randbezirken mit Ein- und Zweifamilienhäusern gewachsen und der Flächenverbrauch gestiegen ist. Gleichzeitig herrscht, insbesondere bei jungen Leuten, Wohnungsnot. Foto: WN Archiv

Fachleute sprechen vom sogenannten Donut-Effekt. Er beschreibt, wie die Zentren von Städten und Gemeinden zunehmend veröden während die Randbezirke immer größer werden. Mit vergleichbare Wanderungsbewegungen beschäftigen sich zurzeit immer mehr Stadtplaner. In Steinfurt haben Politik und Verwaltung die Diskussion mit der Entwicklung des „Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepts“ (ISEK) angestoßen. In die Thematik passte auch ein Vorstoß der Grünen, ein „Null-Hektar-Ziel“ beispielsweise in der Bauleitplanung festzuschreiben. Auf Bundesebene hat die Debatte nach einem „Spiegel“-Interview mit Anton Hofreiter für Schlagzeilen gesorgt, als der Co-Vorsitzende der Grünen Bundestagsfraktion eine Entscheidung begrüßt hatte, wonach in einem Hamburger Bezirk keine Einfamilienhäuser in Bebauungsplänen mehr vorgesehen sind. In einem als Zoom-Konferenz abgehaltenen Werkstattgespräch hat sich jetzt auch der Steinfurter Verein „Wir wollen wir leben?“ mit zunehmenden Flächenverbrauch, den Folgen für den Klimaschutz, alternativen Siedlungskonzepten und einer Entwicklung auseinandergesetzt. Sie ist nach Auffassung von Uli Ahlke kaum zu stoppen.

Der Vereinsvorsitzende zeigte auf, dass im Kreis Steinfurt zurzeit 5000 Wohnungen leer stehen, zugleich aber große Wohnungsnot herrsche. Durch den überwiegenden Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern sei der Pro-Kopf-Verbrauch von 1950 bis heute von 14 auf 46 Quadratmeter Wohnfläche gestiegen, für 2030 würden sogar 55 Quadratmeter prognostiziert. Ahlke wies außerdem daraufhin, dass sich die Bevölkerungszahl innerhalb von 180 Jahren in Burgsteinfurt verfünffacht habe, der Flächenverbrauch aber um das 150-Fache gestiegen sei: „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir in Zukunft nicht nur leben, sondern auch wohnen wollen.“

Thorsten Liebold von der Initiative „Grüner Weiler“ in Münster war eingeladen, Alternativen zur traditionellen Siedlungspolitik aufzuzeigen. Die junge Wohnungsgenossenschaft will im sogenannten Oxford-Quartier in Gievenbeck bezahlbaren Wohnraum für 250 Menschen im urbanen Umfeld, inklusive Flächen für Kultur und Gewerbe schaffen. Eine soziale Durchmischung mit frei finanziertem und gefördertem Wohnungsbau sind dem Zusammenschluss genauso wichtig wie die wirtschaftliche, ökologische, soziale und kulturelle Nachhaltigkeit des Projekts. Die Kosten werden auf rund 35 Millionen Euro taxiert.

„Der Grüne Weiler steht für verdichtetes Wohnen mit gemeinsamer Infrastruktur, eine Kultur des Teilens, eine Energie- und Ressourcen sparende Lebensweise und die Entwicklung einer Genusskultur, die (uns) nicht die Welt kostet. Wir wünschen uns, dass unsere Projekte auch Raum für experimentelle Formen des Wohnens und Zusammenlebens bieten“, erklärt die Genossenschaft ihre Ziele. Es soll Wohnangebote sowohl für Studenten als auch für Großfamilien mit jeder Menge Gemeinschaftsflächen vom Waschsalon über Wellness-Bereiche bis zum Co-Working-Space und zur Pflege-WG fürs Alter geben. Verbrennerautos sind tabu. Für Fahrrad-Abstellplätze soll es breiten Raum geben.

Ob sich ein solches Modell auf Steinfurt übertragen lässt? Die grundsätzliche Idee ist von den Konferenz-Teilnehmern, darunter der Steinfurter Klimaschutz-Manager Simon Möser, Hanna Companie, städtische Quartierssanierungsmanagerin, Carsten Rech, Regionalmanager für die Aktionsgruppe Steinfurter Land, Andrea Jäger von der Caritas sowie den Grünen-Politikern Heinz-Bernhard Bödding und Andreas Neumann begrüßt worden. Einig waren sich die Redner allerdings, „dass noch jede Menge dicke Bretter gebohrt werden müssen“, um Stadtplanung neu zu gestalten. Positiv angemerkt wurde, dass Technischer Beigeordneter Hans Schröder offen für neue Formen des Wohnungs- und Gewerbebaus auf kleineren Flächen sei.

Uli Ahlke und seine Mitstreiter appellierten am Ende an die Politik, sich für alternative Konzepte zu öffnen. Flächen und Ressourcen seien begrenzt, der Donut-Effekt müsse umgekehrt werden.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7838133?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686838%2F
Nachrichten-Ticker