Termine bis Ende Mai ausgebucht
Kirchenaustritt mit einer Unterschrift

Steinfurt -

Mindestens sechs Wochen Wartezeit sind bei einem Termin für einen Kirchenaustritt zurzeit einzuplanen. Bis Ende Mai ist beim Amtsgericht Steinfurt alles ausgebucht. 30 Euro und eine beurkundete Unterschrift sind für den Austritt aus der Kirche nötig. Begründet werden muss der Schritt nicht. Steinfurts Seelsorger suchen aber trotzdem noch einmal das Gespräch mit den Ausgetretenen.

Freitag, 16.04.2021, 21:30 Uhr
Mit einer beurkundeten Unterschrift
Mit einer beurkundeten Unterschrift endet die Mitgliedschaft in der Kirche. Foto: eb

30 Euro und eine offiziell beurkundete Unterschrift vor dem Amtsgericht, viel mehr braucht es nicht, um aus der Kirche auszutreten. Davon machen in der jüngsten Vergangenheit immer mehr Menschen Gebrauch. Maria 2.0 und der Umstand, dass Frauen der Zugang zu vielen leitenden Positionen in der Kirche verwehrt ist sowie der Umgang mit den Missbrauchsfällen, insbesondere in Köln sind nur einige Gründe, die Menschen bewegen, der katholischen Kirche den Rücken zu kehren. Andere wollen sich vielleicht nur die Kirchensteuer sparen. Dazu kommen oft ganz persönliche Beweggründe.

 Doch nicht nur die katholische Kirche ist von Austritten betroffen, auch die evangelische Kirche verzeichnet einen deutlichen Mitgliederschwund.

Ohne Begründung

Erklären müsse niemand vor dem Amtsgericht, warum er austreten will, erklärt Stephan Teklote, Direktor des Steinfurter Amtsgerichtes. „Gelegentlich sagen uns die Menschen den Grund, sie müssen es aber nicht. Wir dürfen und wollen auch nicht nachfragen, das ist eine sehr persönliche Entscheidung.“

Ganz einfach ist es zurzeit nicht, einen Termin für die Beurkundung eines Kirchenaustritts zu erhalten. Am Amtsgericht Steinfurt, das für die Städte und Gemeinden Altenberge, Greven, Horstmar, Laer, Metelen, Nordwalde, Ochtrup, Steinfurt und Wettringen zuständig ist, ist bis Ende Mai alles ausgebucht. Termine werden nur telefonisch vergeben, betont der Direktor der Amtsgerichts. Mitzubringen sind dann der Personalausweis und 30 Euro in bar. Anschließend wird das Formular vor den Justizmitarbeitern unterschrieben. Am selben Tag um 0 Uhr endet die Mitgliedschaft in der Kirche. Das Gericht leitet die Daten an die jeweiligen Kirchengemeinden weiter. Wer nicht lange warten will, kann seinen Austritt bei einem Notar beurkunden lassen, das geht schneller, ist aber etwas teurer, weil die notariellen Bearbeitungsgebühren hinzu kommen.

Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld von der Gemeinde St. Nikomedes schreibt jedes ausgetretene Mitglieder anschließend noch einmal persönlich an. „Ich achte Ihren Schritt, auch wenn ich ihn sehr bedauere“, heißt es darin. Zudem bittet er darum, ihm die Beweggründe für den Austritt mitzuteilen. Es sei ihm wichtig, zu erfahren, warum jemand persönlich so enttäuscht oder auch verletzt sei, so Reidegeld. In seinem Brief dankt er aber auch dafür, dass die Menschen zuvor Mitglied in der Kirche waren.

Konsequenzen

 „Mir ist es wichtig, mit den Menschen, die die Kirche verlassen haben, ins Gespräch zu kommen“, erklärt Reidegeld auf Anfrage unserer Zeitung. Dabei gehe es ihm nicht darum, sie zu bewegen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen, sondern mit ihnen darüber zu sprechen, was sie zum Austritt bewogen habe. „Viele Motive sind bekannt, aber möglicherweise gibt es ja Gründe, aus denen wir in der Pfarrei Konsequenzen ziehen sollten“, betont der Seelsorger.

„Tschüss“ sagen

Überrascht hat Reidegeld, wie häufig das Gesprächsangebot, das er in dem Brief mache, bisher angenommen wurde. „Dabei kommt immer wieder zum Ausdruck, dass die Menschen sich auch danach mit der christlichen Botschaft identifizieren, einige sehen sich weiter der Pfarrei verbunden, von der kirchlichen Gesamtsituation aber haben sie sich innerlich und dann äußerlich verabschiedet.“

Auch Inga Schönfeld, Pfarrerin der evangelischen Gemeinde, wendet sich schriftlich oder persönlich an die Menschen, die aus der Gemeinschaft ausgetreten sind. Sie sucht den Kontakt und freut sich, wenn ihr jemand seine Beweggründe für den Austritt nennt. „Daraus kann Kirche nur lernen“, ist sie überzeugt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sich daraus oft gute Gespräche ergeben. „Außerdem ist eine Trennung auch ein Abschied, bei dem es dazu gehöre, sich gegenseitig ,Tschüss‘ zu sagen.“

Beiden Seelsorgern liegt viel daran, den Menschen deutlich zu machen, dass die Türen der Kirche und der Gemeinde für sie nach dem Austritt nicht verschlossen sind. Jeder sei weiter willkommen.

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