Mo., 30.06.2014

Theater Wo Tänzer einem weißen Kaninchen folgen

Die Tänzerinnen Anna Sühelyla Harms (o) und Garazi Perez Oloriz (u) von der Gauthier Dance Company. Foto: Bernd Weißbrod

Die Tänzerinnen Anna Sühelyla Harms (o) und Garazi Perez Oloriz (u) von der Gauthier Dance Company. Foto: Bernd Weißbrod Foto: dpa

Stuttgart (dpa) - Lewis Carrolls Kinderbuch «Alice im Wunderland» ist auch deshalb zum Klassiker geworden, weil es auch Erwachsenen viel geben kann, weil es voller Logik und Satire ist.

Von dpa

Doch lässt sich eine so vielschichtige Geschichte in Bewegungssprache umsetzen? Der italienische Star-Choreograph Mauro Bigonzetti hat es gewagt - was beim Publikum der Uraufführung des Tanzstücks «Alice» im Theaterhaus Stuttgarter Begeisterungsstürme auslöst.

Beim Theaterhaus-Ensemble Gauthier Dance fand der Römer genau das, was er suchte, um die Botschaften des erstmals 1865 erschienenen Kinderbuchs tanzen zu lassen. Bigonzetti-typisch lässt er die Titelheldin doppelt tanzen, von zwei Darstellerinnen, die besser kaum zusammenpassen könnten: Anna Süheyla Harms, 2013 ausgezeichnet mit dem Deutschen Theaterpreis «Der Faust», überragt ihr Doppel Garazi Perez Oloriz um mehr als einen Kopf. Ihren synchronen Tanz belohnen die Zuschauer mit Sonderapplaus.

Beide sind bestens geeignet, die unterschiedlichen Facetten der «Alice» herauszuarbeiten. Wie im Roman, der irgendwo zwischen Komödie und Drama steht, «zwischen dem tiefen Schrecken vor der Anders-Welt und dem Amüsement über deren skurrile Bewohner», wie es das Theaterhaus formuliert.

Die Geschichte von Alice fasziniert Generationen. Künstler sämtlicher Genres inspirierte sie zu jeweils ganz eigenen Interpretationen. Unzählige Versionen für viele verschieden Bühnen gibt es bereits. Während ihre Schwester ihr vorliest, sieht Alice ein sprechendes weißes Kaninchen . Es starrt auf eine Taschenuhr und befürchtet, zu spät zu kommen. Alice folgt ihm in seinen Bau, fällt ganz tief und gerät in eine Welt, in der wunderliche Dinge passieren und wundersame Wesen leben - vom verrückten Hutmacher, bei dem immerzu Teestunde ist, bis zur cholerischen Herzkönigin, vor der alle erzittern.

Eric Gauthier (37), der Chef des Stuttgarter Ensembles, überrascht in einer für ihn seltenen Schauspielrolle. Als Lewis Carroll führt der Kanadier in den Abend ein, liest Passagen vor. Er gründete die Tanztruppe, die ihre erste Premiere 2008 feierte. Das erste abendfüllende Tanzstück der «Gauthier Dance Company» mit dem Titel «Poppea//Poppea» feierte im Sommer 2010 Uraufführung.

Bigonzetti reizte an «Alice» nach Angaben des Theaterhauses vor allem «die halluzinatorische Atmosphäre, das Spiel mit unendlichen Möglichkeiten, Bildern, Klängen und Geschehnissen». Die Themen sind das Erwachsenwerden und die Freiheit. «Frei, in ein Kaninchenloch zu kriechen und die merkwürdigsten Kreaturen zu treffen. Frei, unsere Größe und unsere Gestalt zu wechseln. Frei, unsere Ängste und Fantasien durchzuspielen. Frei, das zu denken und zu fühlen, was uns beliebt», heißt es.

Der Italiener Bigonzetti holte für das Projekt «Alice» eine ganze Reihe künstlerischer Freunde ins Boot: So ist Carlo Cerri für das Bühnenbild und die mächtigen Fotoprojektionen pompöser Säle im Hintergrund verantwortlich. Und die Livemusik stammt von Antongiulio Galeandro, Enza Pagliara und den Sängerinnen der Kombo «Assurd». Sie liefern gleichsam den Beweis dafür, dass auch als «passioniert-herb» beschriebene Folkloremusik aus aller Welt bestens zu Ballett passt.



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2705838?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686136%2F2686170%2F