Mi., 02.07.2014

Theater Hartes Jelinek-Stück über den Fall Fritzl

Jelinek inszeniert den Fall Fritzl. Foto: T. Dashuber/Residenztheater München

Jelinek inszeniert den Fall Fritzl. Foto: T. Dashuber/Residenztheater München Foto: dpa

München (dpa) - Ein Vater, eine Tochter und ein unglaubliches Verbrechen: Elfriede Jelineks neues Stück, das im Münchner Cuvilliés-Theater uraufgeführt wurde, bringt den erschütternden Fall Josef Fritzl auf die Bühne.

Von dpa

Es ist die Geschichte einer Frau, die 24 Jahre lang von ihrem Vater in einem Kellerverlies im österreichischen Amstetten gefangen gehalten, misshandelt und gequält wurde, Kinder von ihm bekam.

Birgit Minichmayr spielt diese Frau zwischen Wahnsinn und Wut, Verzweiflung und Bitterkeit. «FaustIn» hat Jelinek die Rolle genannt, Oliver Nägele spielt Josef Fritzl , das Monster von Amstetten. «GeistIn» heißt die Rolle bei der Nobelpreisträgerin.

Der Intendant der Münchner Kammerspiele und Jelinek-Experte Johan Simons inszeniert das Stück bei seinem Ausflug auf die andere Seite der Münchner Maximilianstraße als eindringliches, verstörendes Zwei-Personen-Kammerspiel, das dem Zuschauer einiges abverlangt. Denn niemand will das hören, was auf der Bühne gesagt wird. Zu unfassbar ist das, was sich über Jahrzehnte in dem Keller in Amstetten abgespielt hat. Und Jelinek beschönigt nichts. «FaustIn» spricht von der Gewalt ihres Vaters, davon, dass er nie davon ablassen konnte, sie zu vergewaltigen, und von dem Baby, das kurz nach seiner Geburt starb. «Gefühl ist alles, Name Schall und Rauch und Rauch das Kind.»

Halbstündige Monologe folgen aufeinander, die Minichmayr und Nägele - beide auf ihre Weise beeindruckend - aus zwei nebeneinander liegenden Fenstern mal weinend, mal hysterisch lachend, mal diabolisch gleichgültig vortragen. Eine Personenchoreographie gibt es nicht, das Bühnenbild, eine Hausmauer mit zwei Fenstern, über denen «Gewesen worden sein» steht, bleibt zwei Stunden lang unverändert.

Die einzige Waffe des Stücks ist Jelineks harter, mit Goethes «Faust»-Zitaten gespickter Text, der zwischen bitterem Zynismus und Ohnmacht schwankt. «Die Natur ist nicht Fräulein, aber schön. Man will sie aber trotzdem seh'n.» Nach einem kurzen, schweigenden Schock-Moment nach dem Fall des Vorhangs gab es zum Schluss begeisterten Applaus für Minichmayr und Nägele - und auch für Regisseur Simons.

Der sieht in dem Fall auch ein katholisches Phänomen, wie er im Programmheft im Interview sagt. «Ich glaube schon, dass das eine sehr katholische Geschichte ist. In einem Land wie den Niederlanden, wo es keine Vorhänge gibt, wäre so ein Verbrechen viel schwerer durchzuführen.»



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