Mi., 02.07.2014

Theater Hintz und Kuntz beim Konzil: Kirchengeschichte auf der Bühne

In Konstanz kommt das Konzil auf die Ereignisse. Foto: I. Mess/Theater Konstanz

In Konstanz kommt das Konzil auf die Ereignisse. Foto: I. Mess/Theater Konstanz Foto: dpa

Konstanz (dpa) - Kommt er oder kommt er nicht? Seit acht Stunden stehen Hintz und Kuntz am Hafen und warten auf König Sigismund. Die beiden Männer sollen den wichtigen Gast beim Konstanzer Konzil empfangen und einen Baldachin für ihn halten.

Von dpa

Die Ereignisse der kirchlichen Versammlung aus der Sicht der kleinen Leute - das brachte das Theater Konstanz in einer Open-Air-Uraufführung vor dem Münster auf die Bühne.

Das Stück ist ein Auftragswerk für die Konzilstadt Konstanz. Geschrieben hat es Theresia Walser , die Tochter von Martin Walser, zusammen mit Karl-Heinz Ott. Im Mittelpunkt stehen die einfachen Bürger Hintz und Kuntz, die ihre Erlebnisse des Konzils brühwarm ihren Freunden im Wirtshaus von Martha Haefelin weitererzählen.

König Sigismund (beeindruckend androgyn und selbstverliebt gespielt von Axel J. Fündeling) wird ebenso nachgeäfft wie seine Ehefrau Barbara von Cilly und der Papst. Was Hintz und Kuntz nicht wissen: Auch die prominenten Gäste sitzen im Wirtshauspublikum. Sie sind allerdings zu sehr mit ihren eigenen (Ehe- Kirchen-, Politik- und Geld-) Problemen beschäftigt, um sich tiefer mit der Parodie der beiden Baldachin-Träger zu befassen.

Denn das christliche Abendland ist damals tief gespalten. Gleich zwei Päpste - aus Rom und Avignon - beanspruchen Anfang des 15. Jahrhunderts das Amt für sich. Ein vorheriges Konzil 1409 in Pisa konnte die Situation nicht auflösen, im Gegenteil: Beide Päpste wurden abgesetzt und ein neuer ausgerufen, auf den nach seinem raschen Tod Johannes XXIII. folgte. Dieser erhielt im 20. Jahrhundert übrigens einen Namensvetter: Da der erste Johannes XXIII. von der katholischen Kirche als Gegenpapst angesehen wird, konnte sich 1958 Angelo Giuseppe Roncalli erneut den Namen Johannes XXIII. geben.

Da die beiden Päpste aus Rom und Avignon die Absetzung aber nicht akzeptierten, gab es nun drei Päpste. Ein weiteres Konzil musste her. Von 1414 bis 1418 wurde diskutiert, gestritten, um Reformen gerungen - am Ende sicherte die Tagung die Einheit der katholischen Kirche. Dieses Geschehen bringen Walser und Ott mit viel Wortwitz, leicht, fließend und sehr humorvoll auf die Bühne in Konstanz.

Dabei durchbrechen sie immer wieder die eigentliche Erzählebene. Die Protagonisten versuchen sich mehrfach an einem Theater im Theater, Hintz spielt zwischendurch einen Schauspieler, der einen Schauspieler spielt und am Schluss finden die Freunde im Wirtshaus bei einem Fremden ein Notizbuch, in dem ihre Handlungen und sogar Worte bereits festgeschrieben stehen.

Für Theresia Walser war die Arbeit an «Konstanz am Meer» auch eine Art Rückkehr zu den eigenen Wurzeln: Die Schriftstellerin wurde 1967 am Bodensee geboren. Sie hätten sich bei der Recherche für das Stück in Unmengen historischer und theologischer Schriften einlesen müssen, sagte Walser im Vorfeld der Uraufführung. «Auf den ersten Blick war da nicht viel Theatralisches zu finden. Damit am Ende kein Schulbuchtheater herauskommt, versuchten wir, alles Angelesene wieder, so gut es geht, zu vergessen und nur noch das zu benutzen, was hängen blieb.»

Inszeniert wurde das Stück am Freitagabend von Regisseur Johannes von Matuschka direkt am Münsterplatz, also genau dort, wo einst das Konzil tagte. Die Verbindungsbrücke zur Gegenwart spannt der Berliner mitunter mit einfachen Mitteln: So lässt er beispielsweise König Sigismund die debattierenden Völker mit einer Trillerpfeife zurückweisen - und ganz wie die Trainer der Fußball-WM in Brasilien weist er den zerstrittenen Gruppen kurzerhand mit einer Spraydose ihre Grenzen



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