Mo., 07.07.2014

Tanz «Tatjana»: Einblicke in die Seele verzweifelt Liebender

Hélène Bouchet als Tatjana und Carsten Jung als Prinz N. auf der Ballettbühne. Foto: Christian Charisius

Hélène Bouchet als Tatjana und Carsten Jung als Prinz N. auf der Ballettbühne. Foto: Christian Charisius Foto: dpa

Hamburg (dpa) - Ein Birkenwald im Schnee, zwei schwarzgekleidete Adjutanten laden die Pistolen: Die Erinnerung an das Duell mit seinem Freund Lensky lastet auf Eugen Onegin. Lensky, inspiriert von der Liebe zu seiner Verlobten Olga, komponiert am Klavier.

Von dpa

Das Mädchen Tatjana spielt in einem bodenlangen weißen Nachthemd mit ihrem Riesen-Teddy, wirft ihn in die Luft und rollt sich mit ihm über den Boden. Wenig später vertieft sie sich in einen Roman, dessen Figuren kurz darauf lebendig werden. Drei literarische Liebespaare tanzen mit ihr und beflügeln ihre Fantasie. Bis der Vampir Ruthven im schwarzen Umhang erscheint und ihr Angst und Schrecken einflößt. Er wird von Edvin Revazov getanzt, der auch die Rolle des Eugen Onegin übernommen hat und somit einen Ausblick auf das Ende der Geschichte gibt.

Mit einer umjubelten Uraufführung von «Tatjana» nach Alexander Puschkins Roman «Eugen Onegin» sind die 40. Hamburger Ballett-Tage eröffnet worden. In seinem zweieinhalbstündigen Ballett schildert Hamburgs Ballettchef John Neumeier in choreografischen Episoden, abwechselnd zwischen Traum, Erinnerung, Vorahnung und Wirklichkeit die unglückliche Liebe zwischen dem jungen Mädchen Tatjana und dem Lebemann Eugen Onegin. Dabei hat es ihm besonders die Rolle der Tatjana angetan, die sich Hals über Kopf in Onegin verliebt, aber von ihm abgewiesen wird. Jahre später, als Onegin seinen Fehler bereut, bleibt Tatjana bei ihrem Ehemann, obwohl sie Onegin immer noch liebt. «Tatjana zeigt eine Stärke, die Onegin nie erreichen wird», sagt der Ballettchef über sein neuestes Werk.

John Neumeiers großes Vorbild John Cranko (1927-1973) hat 1965 mit «Eugen Onegin» bereits ein Ballett nach demselben Roman mit Musik von Peter Tschaikowsky gestaltet. «Ich habe großen Respekt vor diesem Werk», sagte Neumeier. Aber er habe das Gefühl gehabt, «dass die Zeit reif ist für eine neue Fassung.» Doch sei ihm klar gewesen, dass er nicht mit einer bereits existierenden Musik arbeiten konnte. Er habe sofort an die Komponistin Lera Auerbach gedacht, mit der er zuletzt 2007 bei der «Kleinen Meerjungfrau» zusammengearbeitet hat. Sie schuf für das Ballett eine einfühlsame und ergreifende Musik, die an den Stil der «Meerjungfrau» erinnert. Neben einer Solo-Violine und einem Solo-Cello, die beide zeigen, wie sich Tatjana von einem Mädchen zur Frau entwickelt, sorgt eine singende Säge für besondere Effekte.

Neumeier erweitert die Geschichte von der unerfüllten Liebe zwischen Tatjana und Onegin, die Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Realität und Traum verwischen. So werden in dem Prolog neben Tatjana auch die beiden anderen Hauptfiguren Onegin und Lensky vorgestellt. Immer wieder tauchen ihnen zugeordnete Symbole auf: ein Bett für Onegin, ein Klavier für Lensky und ein Fenster für Tatjana (Bühnenbild und Kostüme: John Neumeier). Auch der Figur Onegins sowie der Freundschaft zwischen Lensky und Onegin gibt Neumeier mehr Raum, indem er einen Tag im Leben von Onegin schildert und die Leidenschaft Lenskys mit der Leere Onegins konfrontiert.

Hélène Bouchet verleiht ihrer Tatjana eine Zartheit und Tiefe, die ihre Entwicklung vom schwärmerischen jungen Mädchen zur reifen Frau glaubhaft nachvollziehen lässt. Zu Beginn tanzt sie noch sorglos barfuß, einmal mit nur einem Spitzenschuh, bis sie am Ende nur noch auf Spitze tanzt. Edvin Revazov ist ein selbstverliebter und arroganter Onegin, der zu spät erkennt, dass er Tatjana liebt. Alexandr Trusch ist ein enthusiastischer Lensky, der ungestüm barfuß auf die Bühne stürmt, Leslie Heylmann eine unbeschwerte, fröhliche Olga. Carsten Jung glänzt als Bär in der Traumszene und als Tatjanas Ehemann. In einem grandiosen Schluss-Pas de deux kämpfen Tatjana und Onegin fast miteinander, so innerlich zerrissen sind sie. Am Ende schaut Tatjana noch einmal sehnsuchtsvoll zurück, hält Onegins Kopf im Arm und küsst ihn, bevor sie ihn für immer verlässt.



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