Musik
Russland feiert Peter Tschaikowsky ohne Tabubruch

Ausgiebig feiert Russland den 175. Geburtstag seines berühmtesten Komponisten Peter Tschaikowsky. Es gibt Feste, Ausstellungen und jede Menge Klassik-Konzerte mit Weltstars. Nur das Privatleben des Genies soll weiter tabu sein.

Freitag, 01.05.2015, 15:49 Uhr aktualisiert: 01.05.2015, 16:00 Uhr

Moskau (dpa) - Die Liebe der Russen zu ihrem Peter Tschaikowsky ist in diesen Tagen allgegenwärtig. Vor dem am 7. Mai gefeierten 175. Geburtstag des Musikgenies ist das größte Land der Erde in Hochstimmung.

Zentral gefeiert wird im malerischen Provinzort Klin, der wegen des Ansturms von Fans aus den Nähten platzt. Dort erholte sich der Komponist zu Zarenzeiten vom Leben der Kulturmetropolen Moskau und St. Petersburg und von seinen Weltreisen. Alles und jeder vereinnahmt den berühmtesten Klassiker des Landes im Jubiläumsjahr - für Konzerte, Ausstellungen und Festivals. Und dennoch fehlt etwas.

Schon von Anfang an sollte nichts und niemand das mit großem Aufwand vorbereitete Jubiläum trüben. Mit fragwürdigen Aussagen fuhr bereits beizeiten der von vielen Intellektuellen gehasste Kulturminister Wladimir Medinski der liberalen Kunstszene in die Parade. In einem Kinofilm wollte der prominente Regisseur Kirill Serebrennikow das private Leben Tschaikowskys aufarbeiten - also seine Homosexualität. 

Doch der Funktionär Medinski witterte schnell den drohenden Tabubruch. Ein schwuler Russe als Lichtgestalt der Klassik, als Ikone russischer Nationalkultur? Der für seine Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche bekannte Minister mochte das nicht zulassen. Noch dazu in Zeiten, da Patriotismus in diesem Land alles ist und die Staatspropaganda Familienwerte predigt.

Medinski verlangte, in dem Film das Privatleben des Künstlers (1840-1893) ganz auszuklammern. «Es gibt keine Beweise, dass Tschaikowsky homosexuell war», behauptete Medinski sogar. Am Ende platzte das ganze Vorhaben.

Dabei sind die Vorlieben des Komponisten durch eigene Bekenntnisse in Briefen unter anderem an seinen ebenfalls schwulen Bruder Modest Tschaikowsky hinlänglich belegt, wie Musikwissenschaftler betonen. Auch Kremlchef Wladimir Putin redete Klartext. «Natürlich lieben wir ihn nicht dafür, er war ein großer Musiker. Und wir alle lieben seine Musik», meinte Putin. Schwulenaktivisten nutzen den Namen des Weltstars Tschaikowsky immer wieder, um für einen offeneren Umgang mit dem Thema zu werben.

Bei den Jubiläumsfeiern soll nichts ablenken von der Musik Tschaikowskys - auch nicht die bis heute andauernden Spekulationen um seinen Tod im Alter von 53 Jahren. Im Vordergrund stehen vielmehr Würdigungen des Genies, seine weltweit gespielten Meisterwerke, die Opern «Pique Dame» und «Eugen Onegin», die Ballettklassiker «Schwanensee», «Dornröschen» und «Der Nussknacker» sowie seine Symphonien.

Mal geht es in den Würdigungen um Tschaikowsky, den Herausgeber des ersten russischen Lehrbuches für Harmonie, mal um den Pädagogen oder den international gefragten Dirigenten. Der auch sprachlich bewegliche Tschaikowsky liebte das Reisen nach Europa, traf sich mit seinen Zeitgenossen Gustav Mahler, Edvard Grieg, Richard Wagner und vielen anderen.

Tschaikowskys zu Tausenden erhaltene Briefe gelten heute auch als großer literarischer Schatz. Erinnert wird auch daran, wie sehr die russisch-orthodoxe Kirche die tiefe und ergreifende Geistlichkeit seiner Musik schätzt. Der russische Stardirigent Waleri Gergijew, der auch den renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb im Juni und Juli organisiert, schwärmt: «Tschaikowsky ist unser ein und alles!». Auch in den USA lebten alle immer im Dezember ganz mit der Musik aus dem «Nussknacker». Gergijew: «Es gibt dort keinen anderen Komponisten, der so viel Einfluss auf Kopf und Geist hätte.»

Die Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta» jubiliert nach einem Besuch von Sonderschauen im Tschaikowsky-Museum in Klin: «Tschaikowsky pfeift und singt». In dem von seinem Bruder Modest 1894 gegründeten Museum gebe es eine «überraschende» Tonaufnahme zu hören. Der Komponist sei dort fröhlich und ausgelassen. Ein echte Rarität, wie das Blatt feststellt.

Kein Wort auch dort über die innere Zerrissenheit des Mannes, der, wie in Briefen überliefert ist, stets gegen seine Natur kämpfte und 1893 eines unnatürlichen Todes starb. Brachte sich Tschaikowsky aus Liebeskummer um? Oder trieben Adelskreise den schon zu Lebzeiten gefeierten Weltstar in einer Art Ehrentribunal in den Freitod - mit einer Arsenvergiftung? 

Die offizielle Version damals war, dass der Komponist an Cholera starb. Beim Trinken von Wasser in einem Restaurant in St. Petersburg soll er sich die Infektion zugezogen haben. Verschwörungstheoretiker meinen, dass nur eine Exhumierung der Leiche Aufschluss über die Todesursache bringen könnte. Doch davon ist Russland weit entfernt.

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