Ausstellungen
Der «echte» Beltracchi in München

Mit größtem Geschick fälschte Wolfgang Beltracchi berühmte Maler - und wurde damit selbst berühmt. Inzwischen blättern Kunstliebhaber für seine Werke fünfstellige Beträge hin.

Donnerstag, 07.05.2015, 14:16 Uhr aktualisiert: 07.05.2015, 14:26 Uhr

München (dpa) - Kein großer Meister war vor ihm sicher. Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Henry Matisse, aber auch Albrecht Dürer, Sandro Botticelli und Rembrandt. «Ich kann alle malen», sagt Wolfgang Beltracchi, und meint nicht die Künstler, sondern deren Stil.

Als Meisterfälscher machte er Millionen, als Meisterfälscher wurde er berühmt - und als solcher wurde er 2011 verurteilt. Beltracchi führte die Kunstwelt hinters Licht - und brüskierte Kenner und Gutachter, die seine Werke bekannten Malern zuordneten.

Erstmals seit seiner Haftentlassung präsentiert der 64-Jährige nun in Deutschland eigene Bilder unter eigenem Namen. Die Schau «Freiheit» in der Münchner Galerie «art room9» zeigt von Freitag an «echte» Beltracchis. Das scheint anzukommen. Schon vor der ersten Vernissage war das erste Bild verkauft: «Le Pont de Chatou», im Stil von Maurice DeVlaminck, für 39 900 Euro. Inzwischen sind 14 von 25 Bildern weg.

Es gebe «enormes Interesse», sagt Galerist Curtis Briggs. «Es gibt eine große Anzahl von teilweise sogar wichtigen Sammlern, die sofort gekauft haben.» Die Preisspanne: knapp 8000 Euro bis 78 000 Euro. «Die Preise haben sich im vergangenen Jahr verdoppelt und verdreifacht.»

Blauer Reiter, Kubismus, Impressionismus - vor allem klassische Moderne, aber auch Renaissance, damals in gefälschten Bildern, jetzt in eigenen. «Ich denke, es ist ein genetischer Defekt», witzelt Beltracchi über die Fähigkeit, in vielen Richtungen zuhause zu sein. «Es ist einfach eine Hochbegabung. Hochbegabt und hochkriminell. Und das ist dann zusammen gekommen. Jetzt haben wir das nicht mehr mit dem hochkriminell. Jetzt bleibt nur noch die Begabung.»

Dabei habe er die Bilder auch früher nicht gefälscht, sondern nur den Namen darunter, betont sagt. Er habe keine Bilder kopiert. Sondern dachte sich in den Künstler hinein. Schuf Bilder, die sich nahtlos in das Werk einfügten - und die Experten teils als die besten des jeweiligen Künstlers lobten. Bis 2010 der Schwindel aufflog: In dem Bild «Rotes Bild mit Pferden» wurde modernes Titanweiß nachgewiesen - das es zu der angegebenen Entstehungszeit des vermeintlichen Campendonk noch nicht gab. Beltracchi gestand seine Fälschungen.

Während der Haft arbeiteten er und seine Frau Helene im offenen Vollzug weiter. Gläubiger sind zu befriedigen. Und sein Sohn und seine Tochter sind im Studium zu unterstützen.

Charmanter Gauner, Freigeist, dreister Krimineller - oder einer der «begabtesten, wichtigsten, bedeutendsten Künstler unserer Zeit», wie Galerist Briggs meint - die Meinungen gehen auseinander.

Mit seinen Bildern wagt Beltracchi ein gelungenes Cross-over der Stilrichtungen. «Tanz auf der Treppe» etwa: Beltracchi knüpft an Fernand Légers «La Sortie des Ballets Russes» an, kubistische Elemente fließen zusammen mit Oskar Schlemmers «Bauhaustreppe». In «Trois Fauves á la Ciotat» vereinen sich Stilformen dreier Maler.

«Meine Handschrift ist nicht nur meine Handschrift, sondern die Handschrift all der Maler, mit denen ich mich beschäftigt habe», erklärt Beltracchi. Seinen «eigenen», festgefügten Stil finden - das ist für ihn kein Ziel. «Ich würde mich zu Tode langweilen, wenn ich jetzt immer wieder das Gleiche machen sollte.»

Der dreiste Betrug hat Beltracchi und sein unglaubliches Talent über Deutschlands Grenzen hinaus bekanntgemacht. «Wir haben Dutzende Anfragen für Bestellungen. Die Leute rufen von weit weg an, New York, London.» Aber auch aus Hamburg, Bielefeld, Frankfurt und München. Wartezeit: mehrere Monate. Wer etwa ein Porträt will, muss um die 50 000 Euro hinblättern. Und bekommt sein Konterfei im Stil berühmter Meister.

Schon schuf Beltracchi im Rahmen einer 3sat-Serie «Der Meisterfälscher»: Harald Schmidt im Stil von Otto Dix, Gloria von Thurn und Taxis im Stil von Lucas Cranach dem Älteren, Christoph Waltz im Stil von Max Beckmann - und seine Tochter Franziska Beltracchi im Stil von Sandro Botticelli.

Noch im Gefängnis erhielt der Meisterfälscher «unseriöse» Angebote. Etwa habe ein Kunstfonds angeboten, er solle zwei Gemälde für einen zweistelligen Millionenbetrag fälschen - fast ohne Risiko: Die Bilder hätten fünf Jahre im Tresor gelegen, dann wäre die Tat verjährt gewesen. Aber: «Für kein Geld der Welt» würde er das tun, sagt er. Die Anfrage habe er an das Bundeskriminalamt weitergeleitet.

Ob er sein früheres Leben zurückwünsche? Natürlich, sagt er. «Früher hatte ich meine Ruhe und war reich. Jetzt bin ich weder reich, noch habe ich meine Ruhe.»

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