Festspiele
Sven-Eric Bechtolf: Zwischenspiel in Salzburg

Vor wenigen Jahren brillierte Sven-Eric Bechtolf noch als «Teufel» im Salzburger «Jedermann». Jetzt leitet der bekennende Konservative für zwei Jahre die Salzburger Festspiele.

Freitag, 24.07.2015, 08:07 Uhr
Sven-Eric Bechtolf hat keine Hobbys.
Sven-Eric Bechtolf hat keine Hobbys. Foto: Barbara Gindl

Salzburg (dpa) - Als Teufel hat Sven-Eric Bechtolf eine gute Figur gemacht. Als er 2007 und 2008 im Salzburger Festspieldauerbrenner «Jedermann» in der Doppelrolle von «Guter Gesell» und «Teufel» zu erleben war, überschlugen sich Publikum und Kritik in Lobeshymnen.

«Mit Kinderschreck-Grinsen gibt er die Höllenknallcharge vom Rummelplatz und wurde ... mit dem größten Applaus bedacht», schrieb die «Süddeutsche Zeitung». Die österreichische «Kronen Zeitung» attestierte ihm «exzellente Schauspielkunst» und «ansteckend starke Spielfreude».

Auch jetzt hat Bechtolf wieder einen Höllenjob, doch ob er dafür genauso viel Zustimmung ernten wird wie einst beim «Jedermann», ist offen. Als Nachfolger von Alexander Pereira, der ihn 2011 als Schauspielchef der Salzburger Festspiele verpflichtet hatte, sitzt Bechtolf nun selbst auf dem Intendantenstuhl, wenn auch nur interimistisch. Denn Pereira verabschiedete sich schon nach drei Jahren aus Salzburg, um Chef der Mailänder Scala zu werden. Und der künftige Festspielleiter Markus Hinterhäuser tritt sein Amt erst zur Saison 2017 an.

Bechtolf ist wohl das, was man einen Workaholic nennt. In dieser Saison verantwortet er nicht nur die künstlerische Gesamtleitung des weltgrößten Musik- und Theaterfestivals. Er inszeniert auch Mozarts «Le nozze di Figaro» und vollendet mit dem Meisterwerk seinen Salzburger Zyklus jener drei Opern, die Mozart zusammen mit dem kongenialen Librettisten Lorenzo da Ponte geschaffen hat. Außerdem sitzt er im Regieteam von «Mackie Messer», einer von ihm ins Programm gehobenen Salzburger Experimentalfassung der «Dreigroschenoper» von Bertolt Brecht und Kurt Weill mit neu orchestrierten Songs. In einer konzertanten Aufführung der Original-Dreigroschenoper hat er zudem die Sprecherrolle übernommen.

«Meine Kinder sind erwachsen. Es wartet daheim selten jemand auf mich, und ich habe keine Hobbys», begründet Bechtolf in der Zeitung «Der Standard» seinen Arbeitseifer mit der ihm eigenen Schnoddrigkeit. Der 1957 in Darmstadt geborene und in Hamburg aufgewachsene Künstler hat eine steile Karriere absolviert.

Nach seiner Ausbildung am Salzburger Mozarteum reüssierte er zunächst als Schauspieler im Fernsehen («Derrick», «Tatort») sowie auf diversen Bühnen wie dem Züricher Schauspielhaus, dem Wiener Burgtheater und dem Hamburger Thalia-Theater, wo er zudem Mitglied der Direktion war. Schon am Thalia-Theater begann er, auch als Regisseur zu arbeiten. Zum Sprechtheater gesellte sich bald die Oper. Höhepunkt seiner bisherigen Arbeit als Opernregisseur war der neue Wiener «Ring des Nibelungen». Seine Auseinandersetzung mit Wagners Opernzyklus von 2007 bis 2009 verarbeitete er auch in dem Buch «Vorabend - eine Aneignung».

Bechtolf ist ein Tausendsassa, eine schillernde, faszinierende, aber auch polarisierende Persönlichkeit. Auf Fotos gibt er sich lässig bis cool, einmal sogar in Bomberjacke. Doch der Schein trügt, denn Bechtolf ist ein bekennender, zuweilen kämpferischer Konservativer und damit das genaue Gegenteil zum Altlinken Jürgen Flimm, Pereiras Vorgänger als Festspielchef. Er wehrt sich gegen Nivellierung und Gleichmacherei («eine Katastrophe für die Gesellschaft»), ficht für Eliten, bricht einen Stab für das gute alte Bildungsbürgertum, kämpft gegen Jugendwahn und eine übersexualisierte Gesellschaft.

Wie solle man den «Don Giovanni» in einer von allen Normen und Tabus befreiten Zeit vergegenwärtigen?, fragte Bechtolf in einem Programmheftbeitrag zu seiner Salzburger Inszenierung der Mozart-Oper von 2014. Das Stück sei doch auf eine Welt angewiesen, «die der Sexualität ihren Respekt wenigstens durch Unterdrückung erweist».

Als Regisseur gibt sich Bechtolf abgeklärt. «Ich habe keine nennenswerten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen mehr», bekennt er. Von elaborierten Regiekonzepten und dramaturgischem Überbau hält Bechtolf erklärtermaßen wenig. Seine Inszenierungen zeichnen sich aus durch handwerkliche Qualität und einen Hang zu Ironie oder gar slapstickhafter Komik, bleiben aber, so Kritiker, oft an der Oberfläche. In seinem Salzburger «Don Giovanni» mit der finalen «Höllenfahrt» des Protagonisten, tauchen leibhaftige Teufelchen auf mit roten Hörnern. Vielleicht eine Reminiszenz an seine eigenen Auftritte als «Höllenknallcharge vom Rummelplatz».

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