Literatur
Knausgårds Traum vom Schreiben

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård hat sein Leben in sechs Bänden aufgeschrieben und damit ein Millionenpublikum erreicht. Nun erscheint Nummer fünf auf Deutsch. Auch «Träumen» hat 800 Seiten. Langweilig ist keine einzige.

Dienstag, 22.09.2015, 15:23 Uhr aktualisiert: 22.09.2015, 15:28 Uhr
Karl Ove Knausgård schreibt sein Leben auf - ehrlich und ungeschminkt.
Karl Ove Knausgård schreibt sein Leben auf - ehrlich und ungeschminkt. Foto: Uwe Zucchi

Berlin (dpa) - «Bei welchem Band bist Du?». Das ist einem schwedischen Journalisten zufolge in  Skandinavien eine gängige Smalltalk-Frage. Jeder weiß, um was es geht: das radikale autobiografische Projekt des Norwegers Karl Ove Knausgård (46) in sechs Bänden.

Allein bis 2014 haben von fünf Millionen Norwegern eine Million die detailreichen und ehrlichen Schilderungen über Knausgårds Leben gelesen - vom Tod seines strengen Vaters über seine Kindheit und Jugend bis zur schwierigen Beziehung zu seiner zweiten Ehefrau, dem Alltagstrott als moderner Vater, der mit seinen Kindern zum Baby-Yoga gehen soll und seiner Sehnsucht nach dem Schreiben.

In Skandinavien erschien der letzte Band 2011, in Deutschland kommt nun der fünfte auf den Markt. «Träumen» behandelt Knausgårds Studium in Bergen und seine erste Ehe. Der Roman macht so süchtig wie die vier anderen («Sterben», «Lieben», «Spielen», «Leben»). Und das obwohl gar nichts Besonderes passiert: Knausgård beschreibt immer noch einfach nur sein Leben - in allen Einzelheiten.

Habe ich nun das Zeug zum Schriftsteller oder nicht? Mit diesem Selbstzweifel plagt sich der junge Knausgård Anfang 20 herum. Für den Leser, der um seinen heutigen Ruhm weiß, ist das fast komisch. Doch so begehrt die Bücher des Norwegers gerade sind, der Anfang von Knausgårds Karriere war eher steinig. Auf einer Schreibakademie als einer der Jüngsten angenommen, nimmt er sich jede Kritik zu Herzen, im Studium beobachtet er, wie Freunde an ihm vorbeiziehen und Bücher veröffentlichen. Immer wieder vermutet er, er könne besser über Literatur schreiben als selbst Schriftsteller sein.

Als sein erster Roman schließlich erscheint, liebt er die Aufmerksamkeit der Journalisten und hasst sie zugleich. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Derzeit gibt der 46-Jährige, dessen Bücher in rund 30 Sprachen übersetzt wurden, nur wenig Interviews und lebt zurückgezogen mit seiner Familie in Südschweden.

Wie auch in den früheren Bänden spielen neben der Selbstreflexion Frauen und Sex eine große Rolle. Knausgård verliebt sich einige Male und das heftig. «Das Herz irrt sich nie», weiß er und tut sich immer wieder schwer, gerade die zu umwerben, die er haben will. Das mag banal klingen, aber genau darin liegt die Stärke seines Stils. Knausgård schreibt, was ist, und scheut sich nicht, auch noch die für ihn peinlichsten Momente bis ins letzte Detail auszuleuchten.

Das gilt vor allem für sein drittes großes Thema: trinken. Immer wieder wacht er morgens auf und hat keine Ahnung, was am Vorabend passierte, schämt sich aber wahnsinnig. Knausgård, dessen Vater sich zu Tode trank, liebt den Exzess. Dem Magazin der «Süddeutschen Zeitung» sagte der bärtige Norweger mit den blauen Augen und vollen grauen Haaren: «Am besten ist es für mich, gar nicht erst anzufangen. Denn wenn ich ein Bier trinke, lechze ich nach dem nächsten. Beim dritten werde ich langsam betrunken, und dann trinke ich bis zum Blackout.»

Knausgård zeigt sich auch in «Träumen» als Mensch voller Unzulänglichkeiten, der sich - vier Kinder und zwei Ehen - immer wieder zurückzieht und im Grunde seines Herzens allein zu fühlen scheint. «Die Einsamkeit konnte mir keiner nehmen. Die Welt war ein Raum, in dem ich mich bewegte und in dem alles Mögliche passieren konnte, aber in dem Raum, den ich in meinem Inneren besaß, in dem, was ich wirklich war, blieb alles immer gleich. Darin lag meine ganze Stärke.»

Treibende Figur seines Schaffens ist Knausgårds Vater - kein Band kommt ohne den herrischen Mann aus, über dessen Tod seine Söhne erleichtert sind und dessen Vorname der Leser nie erfährt. 

Die meisten anderen Figuren in den sechs Romanen, die im norwegischen Original «Min Kamp» heißen (deutsch nicht zu publizieren, da: «Mein Kampf»), tauchen mit ihren realen Namen auf. Fast jeder in Knausgårds Umfeld wurde ausfindig gemacht und interviewt. Nicht alle waren begeistert. 

Sein Onkel verklagte ihn. Knausgårds Ex-Frau Tonje, eine norwegische Journalistin, die nun im fünften Band Thema ist, hat gar ihre Version der Geschichte in einem Radiobeitrag veröffentlicht. Auf ihre Frage, warum er so viel über die Beziehung preisgegeben habe, sagte Knausgård selbstkritisch: «Das, was ich gemacht habe, ist unverantwortlich.» Seine Motive aber seien keine bösen, er habe lediglich sein Leben aufschreiben wollen, wie er es sehe.

Bleibt die Frage: warum? Einem schwedischen Journalisten sagte er 2014: «Ich hasste jeden Satz, den ich schrieb, aber dann wurde das der Sinn meines Schreibens: sich nichts vormachen, dort bleiben, wo man wirklich ist.»

- Karl Ove Knausgård: Träumen, Luchterhand Verlag, München, 800 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-630-87414-2

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