Literatur
Deutschland im Jahre Null: Fotos und Nachkriegsreportagen

Zerstörte Städte, gequälte KZ-Häftlinge und Deutsche ohne Schuldbewusstsein. Die Fotos und Reportagen von drei amerikanischen Reporterinnen zeigen ein erschütterndes Bild von Deutschland im Jahre Null.

Mittwoch, 23.09.2015, 08:27 Uhr aktualisiert: 23.09.2015, 08:30 Uhr
Drei Frauen berichten über den Krieg und die Nachkriegszeit in Deutschland.
Drei Frauen berichten über den Krieg und die Nachkriegszeit in Deutschland. Foto: Hoffmann und Campe

Berlin (dpa) - « Deutschland ist ein schönes Land - mit Dörfern wie Juwelen und zerbombten Stadtruinen - und wird von Schizophrenen bewohnt.» So beginnt eine Reportage der Kriegskorrespondentin Lee Miller , die im Frühjahr 1945 amerikanische Besatzungstruppen durch das zerstörte Deutschland begleitete.

Miller sah dabei keineswegs nur Bombenkrater, verwüstete Landschaften und geschundene Menschen, sondern durchaus auch trügerische Idyllen: «Kleine Mädchen spazieren nach ihrer Erstkommunion in weißen Kleidern und Blumenkränzchen in der Hand herum. Die Kinder haben Stelzen, Murmeln, Kreisel und Reifen und spielen mit Puppen. Mütter nähen, putzen und backen, Bauern pflügen und eggen; alles wie bei richtigen Menschen. Aber das sind sie nicht. Sie sind der Feind.»

Die Fotos und Reportagen der Amerikanerin - in ihrer Jugend ein begehrtes Model der Surrealisten - gehören mit zu den eindrucksvollsten Dokumentationen des Zweiten Weltkriegs. Einige Bilder wie das eines im Wasser treibenden ermordeten Dachauer KZ-Wärters wurden fast zu Ikonen.

Am bekanntesten ist ein Foto, das ein Kollege von Lee Miller selbst machte: Es zeigt die Fotografin bei einem entspannten Bad in Hitlers Badewanne in seinem verlassenen Haus in München.

Die Wohnung des toten Diktators fand sie übrigens enttäuschend mittelmäßig: «Sie hatte weder Eleganz noch Charme, keine Intimität, war aber auch nicht imposant.» Die Kunstwerke seien auch nur durchschnittlich gewesen, dafür habe es ein kitschiges Gipsmodell von Hitlers Händen gegeben.

Neben Lee Miller waren Margaret Bourke-White und Martha Gellhorn die bekanntesten amerikanischen Kriegskorrespondentinnen. Ihre Reportagen und Fotos versammelt nun ein sehr schöner Band, der unter dem Titel «Eine Amerikanerin in Hitlers Badewanne» im Hoffmann und Campe Verlag erschienen ist. Die drei prominenten Namen stehen dabei stellvertretend für eine neue Reporterinnen-Generation, die sich erstmals auch an harte Themen wie die Kriegsberichterstattung wagte.

Bis zu einem Dutzend Journalistinnen begleiteten den Vormarsch der Amerikaner in Richtung Deutschland. Selbstverständlich waren auch die Frauen «embedded journalists» (eingebettete Journalisten), sie sollten den gerechten Kampf der Amerikaner gegen Nazi-Deutschland dokumentieren. Die Reporterinnen hatten dennoch auch einen anderen Blick auf den Krieg: Sie interessieren sich weniger für militärische Strategien, Schlachten und Aufmarschpläne als für das menschliche Leid, das der Krieg anrichtete.

Vor allem Martha Gellhorn, die Frau von Ernest Hemingway, entwickelte diesen Blick zur Perfektion. «Ein Gefecht», schreibt sie, «ist ein Verwirrspiel von kämpfenden Männern, bestürzten, verängstigten Zivilisten, Lärm, Gerüchen, Witzen, Schmerz, Furcht, abgerissenen Gesprächen und Sprengbomben.» Und so schildert sie dieses Gefecht in vielen, einzelnen scharf gezeichneten Bildern, die zusammen ein erschreckendes Ganzes ergeben. Diese Art der Reportage ist erstaunlich modern und kein bisschen angestaubt.

Das gilt übrigens für die Arbeit aller drei Journalistinnen. Ihre Artikel sind lebendig, ohne falsches Pathos, dabei sprachlich so ausgefeilt, das sie bisweilen literarischen Rang erreichen, so Lee Millers einzigartige Reportage «Deutschland. Der Krieg ist gewonnen».

Die Reporterinnen erlebten mit der US-Armee die Befreiung der Konzentrationslager in Buchenwald und Dachau. Was sie erlebten, hielten sie für die Leser daheim in erschütternden Reportagen und Fotos fest. Da sie sich die Ungläubigkeit zu Hause gut ausmalen konnte, schrieb Lee Miller in ihrem Telegramm an die Heimatredaktion die beschwörenden Worte hinzu: «Ich versichere Dir: Das ist wahr.»

Abgestoßen waren die Journalistinnen vom mangelnden Schuldgefühl der Deutschen. «Niemand ist Nazi. Niemand ist je einer gewesen», bemerkte Martha Gellhorn bitter. Lee Millers resigniertes Fazit lautete: «Ich glaube nicht, dass sie je aus dieser Erfahrung lernen werden, und ich weiß, dass ich sie nie verstehen werde.»

- Elisabeth Bronfen und Daniel Kampa (Hg.): Eine Amerikanerin in Hitlers Badewanne. Drei Frauen berichten über den Krieg: Margaret Bourke-White, Lee Miller und Martha Gellhorn, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 360 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-455-50365-4

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