Literatur
«Charlie»-Zeichner Luz macht Trauerarbeit mit dem Stift

Alpträume und Paranoia, Schmerz und Libido: «Charlie»-Redakteur Luz zeichnet gegen das Trauma. «Katharsis» zeigt in bestürzender Offenheit seinen Überlebenskampf nach dem Anschlag in Paris.

Donnerstag, 24.09.2015, 06:00 Uhr aktualisiert: 24.09.2015, 06:05 Uhr
Literatur : «Charlie»-Zeichner Luz macht Trauerarbeit mit dem Stift
Foto: Frederic Charmeux / La Depeche D

Paris (dpa) - Strichmännchen mit riesigen, schockstarren Augen blicken den Leser an. Es sind fassungslose Figuren, die der «Charlie Hebdo»-Zeichner Luz aufs Blatt kritzelt, als er wenige Stunden nach dem blutigen Anschlag auf die Satireredaktion im Pariser Polizeipräsidium befragt wird. 

Mit dieser Szene beginnt das Buch «Katharsis», in dem Luz die Zeit nach der Tat auf Papier gebannt und sich zurück ins Leben gezeichnet hat - eine Art Traumatherapie mit dem Stift. 

«Eines Tages ist mir das Zeichnen abhandengekommen. Am selben Tag wie auch eine Handvoll teurer Freunde», schreibt Luz darin über jenen 7. Januar, als zwei islamistische Attentäter die Redaktion stürmten und zwölf Menschen erschossen. «Mit dem Unterschied, dass es zurückgekehrt ist. Nach und nach.»

«Katharsis» ist das Logbuch dieser Rückkehr. Es ist ein sehr persönliches Werk, Ängste und Alpträume zeigt Luz ebenso direkt wie den Sex mit seiner Frau. Er zeichnet einen Zusammenbruch, als er mitten in der Nacht urplötzlich aus der Haut fährt. Er zeichnet sich selbst als Maus, die sich beim kleinsten Geräusch hinter einem Heizkörper versteckt. Oder mit nur einem Auge und einer klaffenden Kopfwunde in einer Redaktionskonferenz.

Trotz aller Trauer und Schwere ist das Buch zugleich von großer Zärtlichkeit geprägt und, ja: voller Humor. Den Kloß in seinem Bauch, der ihn nach der Attacke überall begleitet, nennt Luz kurzentschlossen Ginette - was der Kloß in den Zeichnungen ziemlich demütigend findet.

Für Renald Luzier, wie Luz mit bürgerlichem Namen heißt, ist «Katharsis» auch ein erster Schritt in ein Leben nach «Charlie Hebdo». Als das Buch im Mai in Frankreich erschien, kündigte der 43-Jährige an, das Satiremagazin im Herbst zu verlassen. Er könne nicht mehr zum Tagesgeschehen arbeiten, sagte er.

Für das Magazin ein großer Verlust, als einer der bekanntesten Überlebenden - er kam zu spät zur Redaktionskonferenz und entging somit dem Anschlag - war Luz zu einem Aushängeschild geworden. Er zeichnete die Titelseite der ersten Ausgabe nach dem Blutbad, mit einem weinenden Propheten Mohammed und der Schlagzeile «Alles ist vergeben». 

Doch der Zeichner tat sich schwer mit dem nationalen Symbol, zu dem «Charlie» und er geworden waren. «Symbole sind noch dazu genau das, wogegen wir kämpfen», sagte er der Zeitung «Libération». Auch dies ist in «Katharsis» Thema: Da verulkt Luz einen Künstler, der «Charlie» mit einer riesigen Bleistiftskulptur Tribut zollen will. Vor einer Journalistenmeute steckt Luz' gezeichnetes Alter Ego sich eins der Mikrofone in den Hintern - «Es war mir ein Vergnügen». In einer Kurzgeschichte stürzt ihm sein Tintenfass um, woraufhin jemand in dem Klecks sogleich den Propheten Mohammed erkennt.

Er habe das Bedürfnis gespürt, sein Inneres zu erzählen, sagte Luz der Zeitung «Le Monde». Und so ist «Katharsis» auch zu einer großen Liebeserklärung an seine Frau Camille Emmanuelle geworden, sie und das Zeichnen geben Luz Halt. Am Ende des Buchs kritzelt der Mann mit der großen Brille wieder eine Seite voller Männchen, deren Augen noch immer weit aufgerissen sind. Doch die Figuren stehen nicht mehr erstarrt auf der Stelle, sondern laufen vorwärts.

- Luz: Katharsis, Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main, 128 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3-10-002498-5

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