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Iris Berben: Raus aus der Komfortzone

Iris Berben hat ihren neuesten Fernsehfilm «Die Neue» bereits vor einem Jahr gedreht. Nun ist er als ZDF-Montagsfilm zu sehen und aktueller denn je: Eine neue Mitschülerin mit Kopftuch sorgt für Aufregung im Alltag einer Lehrerin.

Sonntag, 18.10.2015, 23:59 Uhr aktualisiert: 19.10.2015, 00:02 Uhr
Iris Berben: «Lasst uns laut sein, lasst uns viele sein.»
Iris Berben: «Lasst uns laut sein, lasst uns viele sein.» Foto: Britta Pedersen

Hamburg/Berlin (dpa) - Die Schauspielerin Iris Berben (65) ist am kommenden Montag (20.15 Uhr, ZDF) in dem Film «Die Neue» zu sehen.

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa spricht sie über die Rolle als engagierte Lehrerin in diesem Film, über den Zwiespalt von Toleranz und Akzeptanz und ihre klare Haltung zum Thema Flüchtlinge.

Frage: Die Lehrerin ist ja richtig sympathisch. Ist das eine realistische Figur?

Antwort: Das denke ich schon. Eva ist eine sehr liberale, weltoffene Lehrerin, die an einer Schule arbeitet, wo sie das Thema der Unterschiedlichkeit kennt und lebt. Diese Lehrer muss es auch wirklich geben, weil sie mit der heutigen Zeit leben, und Eva gehört dazu. Sie versucht, ihren Schülern eher durch Verständnis näher zu kommen als nur durch Strenge. Damit ist sie bislang ganz gut gefahren, bis sie sich dann vergaloppiert.

Frage: Was läuft denn da plötzlich schief?

Antwort: Eva will alles besonders richtig machen, weil sie in dem Mädchen Sevda auch ein bisschen sich selber sieht. Die Suche nach ihrer eigenen Identität läuft ja parallel dazu. Die Konfrontation mit ihrem Vater macht Eva klar, dass dieses Thema für sie als erwachsene Frau keineswegs vorbei ist. Dann wird sie noch einmal aufgerüttelt, sie fühlt sich diesem Mädchen sehr verbunden und gibt ihr wesentlich mehr Freiräume, als sie das als verantwortungsvolle Lehrerin eigentlich dürfte. Am Ende gesteht sie ihr Versagen ein und bedauert, dass sie die anderen Schüler nicht mitgezogen hat.

Frage: Es geht um Toleranz. Glauben Sie, dass es damit allein getan ist?

Antwort: Nein, auf gar keinen Fall. Toleranz ist gut und schön, aber sie lässt immer noch so einen ungreifbaren Zwischenraum, da schwingt mir zu viel Gleichgültigkeit mit. Wenn wir uns entscheiden, in einer toleranten Welt leben zu wollen, dann müssen wir das auch ausfüllen können. Wir kommen da sicher auch an unsere Grenzen, durch unseren eigenen banalen Alltag. Der Film soll zeigen, dass Toleranz auch ein zweischneidiges Schwert ist, denn sie kann nicht nur von einer Seite kommen. Akzeptanz geht da wesentlich weiter, aber sie setzt natürlich voraus, dass man sich wirklich mit einem Thema beschäftigt und sich damit richtiggehend auseinandersetzt. Und da wird es für viele Menschen schon schwierig.

Frage: Der Schluss lässt ja vieles offen. War das wichtig für Sie?

Antwort: Und wie! Der Schluss liefert in der Tat keine klare Antwort - was uns sehr, sehr wichtig war. Es ist ein versöhnliches Ende, aber auch ein nachdenkliches. Des Pudels Kern ist: Wir sind alle in einer ständigen Veränderung begriffen. Das bedeutet, immer wieder miteinander zu reden und dabei möglichst angstfrei zu werden. Man kann beim Zusammenleben verschiedener Religionen sicher nicht alles per Gesetz regeln, es wird immer eine individuelle Entscheidung bleiben. Das Kopftuch in unserem Film ist letztlich eine Metapher dafür. Die Regisseurin Buket Alakus hat gute Bilder gefunden, um das klar zum Ausdruck zu bringen. Der Film hört genau da auf, wo die eigentliche Arbeit beginnt. Das entspricht der Realität mehr als zu sagen: Jetzt wissen wir, wie's geht.

Frage: Der Film ist ja aktueller denn je, angesichts der vielen Flüchtlinge.

Antwort: Das stimmt. Wir haben ihn vor etwa einem Jahr gedreht. Aber die Form der Einwanderung, die wir jetzt erleben, die haben wir doch schon lange, seit den 50er Jahren. Das vergessen nur leider viele Menschen. Das Verhalten der EU kann einen schon traurig stimmen, denn dass nun all die Flüchtlinge kommen, war doch absehbar. Ich sehe da schon eine große Chance für unser Land, das immer älter wird. Da kommen doch viele junge Menschen, die gebildet sind. Es kostet uns alle sicher viel Arbeit und Kraft, nun gemeinsam einen Weg zu finden, der ein friedliches Miteinander ermöglicht. Diesen Alltag zu stemmen, das war, ist und bleibt eine Herausforderung.

Frage: Sie beziehen dabei klar Stellung gegen dumpfe Parolen.

Antwort: Ich kann gar nicht anders. Wie ich schon öffentlich sagte: Lasst uns laut sein, lasst uns viele sein. Wir hatten zum Glück nach den beiden großen Kriegen auch immer wieder Menschen, die Vertriebene und Flüchtlinge unterstützt haben. Das ist noch gar nicht so furchtbar lange her - man muss doch wissen, wie fragil das alles ist. Daran muss ständig wieder erinnert werden - und das muss vor allem den Menschen klar gemacht werden, die sich allzu schnell von stumpfsinnigen Parolen einfangen lassen. Und wenn es gar nicht mehr anders geht, dann müssen wir eben alle wieder auf die Straße. Demokratie ist nun mal Arbeit. Jeder hat doch in seinem Leben ein kleines Feld, dass er beackern kann - ein jeder an seinem Platz. Die Parole lautet: Raus aus der Komfortzone.

ZUR PERSON: Iris Berben wurde am 12. August 1950 in Detmold geboren und wuchs als Tochter eines Gastronomen-Ehepaars auf. Einem breiteren Publikum wurde sie an der Seite von Ingrid Steeger in der «Klimbim»-Nachfolgeserie «Zwei himmlische Töchter» (1978, ARD) unter der Regie von Michael Pfleghar bekannt. Zu sehen war sie später unter anderem in der Serie «Das Erbe der Guldenburgs» (1986-1990, ZDF), in der Comedyreihe «Sketchup» (1985/86, ARD) und in vielen Filmen. 20 Jahre lang (1994-2013) verkörperte sie die Kommissarin «Rosa Roth». Seit acht Jahren ist sie mit ihrem Lebensgefährten Heiko Kiesow (55) zusammen. Iris Berben lebt mit Hund Paul in Berlin.

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