Literatur
US-Schriftsteller Tom Wolfe wird 85

Mit seinem Roman «Fegefeuer der Eitelkeiten» etabliert sich Tom Wolfe als einer der genauesten Beobachter der US-Gesellschaft. Kollegen kritisieren den Mann im weißen Anzug aber auch als eitlen Selbstdarsteller. Jetzt wird der Schriftsteller 85 Jahre alt.

Dienstag, 01.03.2016, 15:56 Uhr aktualisiert: 01.03.2016, 16:02 Uhr
Tom Wolfe wird 85.
Tom Wolfe wird 85. Foto: Marta Perez

New York (dpa) - Hin und wieder streift er noch durch sein New York, durch seine Upper East Side. Immer ganz in weiß, mit Maßanzug und Hut, langsamer inzwischen, aber mit stolzem und aufrechtem Gang. Tom Wolfe umgibt etwas Mystisches, auch aus seinem Alter macht der Autor des Weltbestsellers «Fegefeuer der Eitelkeiten» gerne ein Geheimnis.

Am Mittwoch (2. März) werde Wolfe 85 Jahre alt, sagt eine Sprecherin des Blessing-Verlags der Deutschen Presse-Agentur und bestätigt damit viele Quellen, die sein Geburtsjahr mit 1931 angeben. Andere sprechen von 1930, wie die New Yorker Stadtbibliothek, die jüngst für mehr als zwei Millionen Dollar das aus 190 Kisten bestehende Archiv des Schriftstellers kaufte.

Wolfe selbst hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sein letzter Roman «Back to Blood», in dem er die Sonnen-Metropole Miami sezierte, liegt rund vier Jahre zurück. Der Autor hat schon immer polarisiert. Millionenfach verkaufte und erfolgreich verfilmte Bücher und treue Fans auf der einen Seite, scharfe Kritik des literarischen Establishments auf der anderen Seite. «Massenunterhaltung» sahen Größen der amerikanischen Literatur wie Norman Mailer und John Updike in seinen Werken, John Irving lästerte über die «Geschwätzigkeit» seines Kollegen und erklärte sich unfähig, Wolfes ersten Roman zu Ende zu lesen.

Auch Literaturkritiker zeigen sich gespalten. An seinem Status als «erster Pop-Journalist» («Guardian») und zumindest Miterfinder des New Journalism, der literarisches und nichtfiktionales mischt, wird nicht gerüttelt. Wolfe gilt als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde liefert. Aber der Autor gilt auch als eitler Selbstdarsteller, als «Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber» («Guardian»), der genüsslich die Schwächen anderer Menschen beschreibt. Wolfe leugnet das nicht. «Wenn die meisten Schriftsteller ehrlich mit sich selbst wären, würden sie zugeben, dass sie nur das erreichen wollen: Vorher nahm sie niemand wahr, jetzt schon.» 

Geboren wurde Wolfe in Richmond im US-Virginia in eine reiche Professoren- und Plantagenbesitzer-Familie. Seine Mutter führte ihn in die Künste ein, ließ den kleinen Tom in Ballett- und Stepptanz ausbilden, zeichnete und las viel mit ihm. Kaum neun, soll der Junge versucht haben, eine Biografie von Napoleon sowie einen illustrierten Band über Mozarts Leben zu schreiben. Er studierte an der Elite-Universität Yale und bewarb sich dann als Journalist. «Ich habe mehr als hundert Bewerbungen an Zeitungen geschrieben», erzählte er einst der «Paris Review». «Drei Antworten habe ich bekommen. Zwei Absagen.» Die «Springfield Union» in Massachusetts stellt ihn an.

Über einige andere Zeitungsjobs landet Wolfe schließlich in New York und bei der Belletristik. «Acht Monate lang saß ich jeden Tag an meiner Schreibmaschine und wollte das "Fegefeuer der Eitelkeiten" anfangen und nichts passierte. Mir wurde klar, dass ich es nur schaffen kann, wenn ich mir eine Abgabefrist setze.» Das Werk über die Geldgier von Wall-Street-Bankern und Kredithaien erschien Mitte der 80er Jahre zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift «Rolling Stone» und wurde dann als Roman ein Welterfolg und mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt. Später folgten Erfolge wie «Ein ganzer Kerl» und «Ich bin Charlotte Simmons» sowie zahlreiche Reportagen und Essays.

Die Selbstzweifel seien geblieben, sagt der zweifache Vater Wolfe, der mit seiner Frau im 14. Stock eines eleganten Apartmenthauses direkt am Central Park wohnt. «Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr.» Trotzdem sei ihm die Lust an seinem Job nie vergangen. «Der größte Spaß am Schreiben ist das Entdecken. Den meisten Schriftstellern wird gesagt, dass sie darüber schreiben sollen, was sie kennen, aber ich liebe immer noch das Abenteuer rauszugehen und über Dinge zu schreiben, die ich nicht kenne.»

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