Literatur
«Zombie Wars»: Das Groteske der Gewalt

Die Menschen: alle Untote. Der US-Bosnier Aleksandar Hemon zeigt, wie Gewalt das Sein bestimmt. Sein «Zombie Wars» ist eine Slapstick-Komödie, aus deren Winkeln der bittere Ernst lacht.

Mittwoch, 02.03.2016, 16:32 Uhr aktualisiert: 02.03.2016, 16:38 Uhr

Hamburg (dpa) - «Flüchtlinge ähneln Zombies.» Ein drastischer Satz von Aleksandar Hemon. «Entmenschlichung» nennt der Autor aus Chicago in seinem jüngsten Artikel zur Flüchtlingskrise das, was derzeit an Europas Grenzen geschieht. «Horden von Migranten, die an Zäunen drängeln, Bahnhöfe überfluten, von Fähren herunterströmen.»

Es ist wohl kein Zufall, dass sein nun auf deutsch erschienener Roman gerade den Titel «Zombie Wars» trägt. Wie schon in vielen seiner Vorgänger behandelt Hemon auch hier existenzielle Fragen nach Entwurzelung, Gewalt und Identität. Zwar spielt die Handlung in den USA kurz vor dem zweiten Einmarsch der Amerikaner im Irak unter George W. Bush. Aber gerade das Wissen um die aktuelle Lage aus Flucht und Vertreibung im Nahen Osten zeigt, welch großen Kreis Hemon zu ziehen versucht. Es ist die Suche nach der Wurzel.

Denn das Schicksal der Flüchtlinge ist auch Hemons eigenes. Nur knapp ist er dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina entkommen: 1992, als er sich zu Beginn der Belagerung seiner Heimatstadt Sarajevo gerade in Chicago aufhielt - und einfach dort blieb. Tourist und Immigrant. Englischkenntnisse: rudimentär. Um die Jahrtausendwende schaffte er mit dem Erzählband «Die Sache mit Bruno» den Durchbruch. Heute ist er US-Bürger und lehrt an der Columbia University. Sein Name fällt selten ohne den Vergleich zu Vladimir Nabokov.

Wie Hemon tragen die Figuren in «Zombie Wars» den Krieg in sich: allen voran Joshua, dessen Vorfahren den Holocaust überlebten. Anfang 30, Hauptberuf Drehbuchautor, Englischlehrer fürs Geld. Er sitzt am Skript zu seinem Film «Zombie Wars», einen popkulturell verwurzelten Horrorstreifen. Als er einmal in einem Hipster-Café wegen der rüden Bedienung warten muss, stellt sich Joshua vor, «wie ein Zombie in die Halstattoos des Arschlochs beißen würde, wie Blut über die bereitgestellten Latte-Becher spritzte und sie rosa färbte». Die Welt als Splatter. «Ich wollte ein Buch über jemanden schreiben, der kreative Zombie-Fantasien hat», sagte Hemon einmal.

Da ist weiter Joshuas Freundin Kimiko («nur eine Haaresbreite von der absoluten Selbstvervollkommnung entfernt»), deren japanische Großeltern im Zweiten Weltkrieg in US-Camps interniert waren. Sie stellt sich eine gemeinsame Zukunft vor - zwei halbe Seelen, denkt sie, könnten zusammen eine ganze ergeben. Doch Joshua hat eine Geliebte, die mit ihrem Mann aus Bosnien floh. «Ich habe Esko gefunden im Krieg, und im Krieg hab ich ihn auch verloren», sagt Ana. «Guter Mann, aber er kommt von der Front, und er hasst mich, weil ich nicht verstehe, was passiert an der Front.»

«Zombie Wars» ist zwar eine klassische Dreiecksgeschichte, aber eigentlich noch viel mehr. Bei allem Slapstick - bald bestimmen eine tote Katze und ein Samurai-Schwert die Handlung - steckt doch eine Menge Gewalt in den Figuren. Kimiko und der härter werdende Sex. Ana und ihr Wrack von einem Mann. Oder Joshuas Vermieter, der von seinem Trauma im ersten Irakkrieg neben einem Unterwäsche-Fetisch auch ein paar lockere Schrauben mitgebracht hat.

Als das Buch vergangenes Jahr im Original erschien, lobten die Kritiker den 51-Jährigen über alle Maßen - gerade, weil er nicht in seiner Muttersprache schreibt. Der «Guardian» bezeichnete Hemon als «begabten Satzarbeiter», die «New York Times» schrieb, sein Roman sei «lustig, fließend und herrlich unvollkommen».

«Ich glaube, jede Geschichte kann mit Menschen in Schwung kommen, die eine falsche Entscheidung treffen», hat Hemon in einem Interview gesagt, «und die dann damit weitermachen, falsche Entscheidungen zu treffen.» Joshua steht für jeden einzelnen. Und für alle zusammen. «Zombie Wars» ist kein Horrorroman, es ist ein Gesellschaftsgroteske - und zuweilen geht beides Hand in Hand.

- Aleksandar Hemon: Zombie Wars. Knaus Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-8135-0697-6

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