Medien
Vox will weniger US-Ware

Vox ist ein Klassiker im deutschen Fernsehen der zweiten Reihe. Seit mehr als 25 Jahren hält sich der zweitstärkste Sender der RTL-Gruppe gut im Markt und hat noch einige Ideen im Köcher.

Donnerstag, 03.03.2016, 08:08 Uhr aktualisiert: 03.03.2016, 08:10 Uhr
Vox-Chefredakteur und -Unterhaltungschef Kai Sturm.
Vox-Chefredakteur und -Unterhaltungschef Kai Sturm. Foto: Guido Lange

Berlin (dpa) - Keine Angst vor Netflix und anderen Streamingdiensten - Vox-Chefredakteur Kai Sturm fühlt sich gewappnet für die Zukunft und kündigt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur an, künftig Lizenzware vorzugsweise aus den USA zugunsten von Eigenproduktionen abzubauen.

«Es wird eine Schlacht der Inhalte», prophezeit Sturm. «Meist mit viel Geld verbunden, manchmal kann man auch gute Inhalte finden, ohne viel Geld auszugeben.» Bereits jetzt machten die Eigenprogramme 70 Prozent aus. Tendenz steigend.

Frage: Haben angesichts der wachsenden Konkurrenz vor allem auf dem Streamingmarkt nur noch die großen TV-Sender eine Überlebenschance?

Antwort: Es ist wichtig, auf allen Plattformen dabei zu sein. Es wird eine Schlacht der Inhalte geben. Meist mit viel Geld verbunden, aber manchmal kann man auch gute Inhalte finden, ohne viel Geld auszugeben.

Frage: Macht Ihnen Netflix Angst?

Antwort: Die von vielen als bedrohlich wahrgenommene Situation ist für uns einfach eine Herausforderung, noch mehr neue, gute Inhalte zu schaffen. Das beflügelt uns. Unsere Entwicklungspipeline ist voll. Wir haben viele Ansätze gefunden, viele Köpfe, viele Formate, viele Hybridformen. Ich bin mir sicher, dass da noch vieles geht und dass uns das Geld nicht ausgeht.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich aber auch eine Schieflage entwickelt: Jetzt bringen Unternehmen wie Netflix die ersten eigenproduzierten Serien heraus und ernten überall Bewunderung - allein die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland produzieren viel mehr Serien und Filme, aber jeder findet das normal. Die haben natürlich auch eine andere finanzielle Ausstattung. Manche Beobachter schauen etwas naserümpfend auf uns - das lineare Fernsehen. Aber: wir müssen uns mit unseren Angeboten nicht verstecken. Da wird hart dran gearbeitet.

Frage: Wird es künftig weniger Lizenzware auf Vox geben?

Antwort: Im Moment haben wir vier bis fünf Abende pro Woche mit US-Fiction bestückt. Da sage ich voraus, dass wir diese Fülle in fünf Jahren nicht mehr haben werden. Unser Programm besteht jetzt bereits zu 70 Prozent aus Eigenproduktionen, die Daytime wird sogar komplett mit Eigenprogrammen bestückt. Wir gucken, ob wir da nicht weiter zulegen können. Immer nach dem Prinzip: Kennen wir das schon, können wir es weiterentwickeln?

Frage: Wo bleibt denn nun der innovative Geist, für den Vox in der Branche bekannt ist?

Antwort: Der ist doch vor allem durch unsere Hits wie «Kitchen Impossible», «Sing meinen Song», «Die Höhle der Löwen», «Grill den Henssler» und «Shopping Queen» präsent. Wir haben aber auch einiges in der Entwicklung: Im Sommer werden wir zum Beispiel in «Echte Männer» eine moderne Heldenreise erzählen. Im Fokus stehen hier fünf Männern um die 30, alle ziemlich übergewichtig und komplett unsportlich, denen der Spiegel vorgehalten wird: Du könntest länger leben, wenn du dich gesünder verhältst. Sie alle werden dann vor die Herausforderung gestellt, in nur 5 Monaten fit für einen Cross-Triathlon zu werden.

Frage: Wäre so eine Reihe auch mit Frauen denkbar?

Antwort: Schwierig: In Dänemark, woher die Show stammt, hat man sich darüber auch Gedanken gemacht und hat es bei Männern belassen. Über Männer kann man viel besser lachen. Männer sind so schlicht, sind einfach auszurechnen. Sie glauben gar nicht, wie leicht die Hundeerziehung auf Männer zu übertragen ist. Ein bisschen was zu fressen, ein bisschen Strenge, ein bisschen Streicheleinheiten - schon machen Männer alles. Von daher bleiben wir bei den Männern - wir sind ja auch ein Frauensender!

Frage: Deswegen gibt es auch Sendungen wie «Das perfekte Dinner», das sich auch nach zehn Jahren stur hält.

Antwort: Die Produktionsfirma ITV Studios Germany und unsere Redaktion halten das Format sehr lebendig. Auch nach 10 Jahren ist keine Müdigkeit zu spüren. Wir versuchen immer wieder neue Inhalte zu schaffen, zum Beispiel mit Spezialausgaben wie «Das perfekte Dinner - Wunschmenü». Aber - und das ist Fluch und Segen zugleich: Es ist «Das perfekte Dinner» und es bleibt «Das perfekte Dinner». Am Grundkonzept ändern wir nichts. Das kleine Lagerfeuer-Feeling ist vielen Zuschauern seit Jahren ein treuer Begleiter. Und die Werbeindustrie setzt auf das Format.

Frage: «Der Club der roten Bänder» wurde am Serienmarkt als großer Erfolg bewertet. Gibt es Platz für eine neue Serie?

Antwort: Wir haben in letzter Zeit viele Vorschläge bekommen, bewahren uns aber die Anspruchshaltung: Wir wollen nur herausragende, einzigartige Stoffe produzieren, die zu Vox passen. Und nach denen halten wir Ausschau. Wir haben aber noch eine deutschsprachige Serie gekauft - «Weinberg» von TNT Serie. Sie wird im Herbst bei uns zu sehen sein, genau wie die zweite Staffel von «Club der roten Bänder».

Frage: Der Dienstabend steht für Eigenformate: «Sing meinen Song - Das Tauschkonzert» wechselt sich dort ab mit anderen Reihen, jetzt zuletzt «Ewige Helden» mit insgesamt schwächerer Resonanz. Woran liegt das?

Antwort: Wenn ein Bayern-München-Spiel im TV zu sehen ist, gucken mehr Leute zu, als wenn Paderborn antritt. Ich habe nichts gegen Paderborn, aber die teilnehmenden Teams haben anscheinend eine unterschiedliche Attraktivität. Wenn ich also mit mehreren aktuellen Musikern ins Rennen gehe, habe ich vielleicht einen etwas anderen Aufschlag, als wenn ich mit Sportlern komme, die schon ein wenig aus dem öffentlichen Bewusstsein geraten sind. Fragen Sie mal die Leute unter 35, wer Icke Häßler oder Frank Busemann sind.

ZUR PERSON: Der 55-jährige Dortmunder Kai Sturm ist seit zehn Jahren Vox-Chefredakteur. Zuvor hatte er an der Folkwanghochschule in Essen klassische Musik studiert und arbeitete später unter anderem für den WDR, Radio Belcanto, Endemol und RTL. Zwischendurch gründete Sturm mit Stormy Entertainment eine eigene Firma.

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