Fr., 07.09.2018

Kabarett im Dritten 30 Jahre «Mitternachtsspitzen» im WDR

Jürgen Becker (r) und Wilfried Schmickler, Kabarettisten der «Mitternachtsspitzen».

Jürgen Becker (r) und Wilfried Schmickler, Kabarettisten der «Mitternachtsspitzen». Foto: Oliver Berg

Seit drei Jahrzehnten nehmen die «Mitternachtsspitzen» Politiker und Wirtschaftsbosse ins Visier. Doch angesichts radikaler Strömungen in Europa müssten Kabarettisten ihre Worte heutzutage sorgfältiger wählen, meinen Jürgen Becker und Wilfried Schmickler.

Von dpa

Köln (dpa) - Altkanzler Schmidt qualmt auch im Himmel weiter, und ein volkstümelnder Heimathirsch schwadroniert über Gott und die Welt: Seit 30 Jahren nehmen die WDR-«Mitternachtsspitzen» aktuelle Ereignisse aus Politik und Gesellschaft auf Korn. Die am längsten existierende Kabarettsendung im deutschen Fernsehen feiert am 8. September (21.45 Uhr, WDR) Jubiläum.

Satire und bissige Zuspitzungen gehören schon immer zu den Markenzeichen des Kabaretts. Doch seit einigen Jahren gebe es eine Veränderung, sagt Jürgen Becker (59), der seit 1992 Gastgeber bei den «Mitternachtsspitzen» ist. «Früher war Kabarett noch radikaler, man hat mehr auf die Politiker eingedroschen. Das machen wir heute nicht mehr so.» Sein Kollege Wilfried Schmickler pflichtet ihm bei: «Es ist mir zu billig geworden, da mit dem großen Knüppel draufzuschlagen.»

Sind die alten Hasen des Kabaretts altersmilde geworden? Beide schütteln die Köpfe. Natürlich müsse ein Kabarettist nach wie vor politische Missstände anprangern. Aber angesichts rechtspopulistischer Strömungen und Parolen in Europa müsse man wieder respektvoller mit Politikern demokratischer Parteien umgehen und seine Worte sorgfältiger wählen. Schmickler beobachtet eine Verrohung der Gesellschaft, die sich unter anderem in der Sprache zeige. «Da müssen wir gegen arbeiten - denn Kabarett beschäftigt sich vor allem mit Sprache», sagt der 63-Jährige.

Rund eine Million TV-Zuschauer schalten nach WDR-Angaben durchschnittlich ein, wenn die Aufzeichnung der «Mitternachtsspitzen» regelmäßig samstagsabends übertragen wird. «Junges Publikum zu erreichen, ist schwer», räumt Becker ein. Dabei sind in der Sendung stets auch Nachwuchskünstler zu Gast.

Zur Stammbesetzung gehört neben Becker und Schmickler seit mehr als 20 Jahren auch Uwe Lyko - bekannt als Ruhrgebiets-Rentner «Herbert Knebel». Die Parodie «Loki & Smoky», in der Lyko Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Schmickler dessen Ehefrau Loki spielt, war jahrelang ein Highlight der Sendung. Eingeleitet von Smokys Standard-Einstieg «Loki, frag mich mal was», diskutierten sie - eingehüllt in Zigarettenrauchwolken - tagespolitische Themen.

Nach dem Tod von Loki Schmidt 2010 wurde diese Rubrik umbenannt in «Überschätzte Paare der Weltgeschichte», in der Kanzlerin Angela Merkel (Schmickler) sich Dialoge mit Prominenten wie Wladimir Putin oder Jogi Löw liefert. Für die Jubiläumssendung sollen «Loki und Smoky» noch einmal vom Himmel aus das Geschehen auf der Erde kommentieren.

«Lustig und ernst - das gehört für mich absolut zusammen», sagt Schmickler, der zum Ende der Sendung zudem traditionell mit einem lauten «Aufhören, aufhören!» auf die Bühne kommt und dann den wütenden Moralapostel mimt. «Ich würde mich absolut unwohl fühlen, wenn ich nur auf das Strenge, Ernste reduziert würde.»



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