Di., 11.09.2018

Abgehängt Verfallene Heimat: Lukas Rietzschel über Jugend im Osten

Lukas Rietzschel kennt sich aus im Osten. Autobiografisch ist sein Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» aber nicht.

Lukas Rietzschel kennt sich aus im Osten. Autobiografisch ist sein Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» aber nicht. Foto: Gerald von Foris

Immer wieder Sachsen. Das Image des Landes hat in den vergangenen Jahren gelitten. Der Autor Lukas Rietzschel wirft in seinem neuen Roman einen Blick auf eine Jugend im tiefen Osten. Auch seine Protagonisten zieht es irgendwann zu den Rechten. Warum nur?

Von dpa

Berlin (dpa) - Wie wird man Neonazi? Glaubt man dem Autor Lukas Rietzschel, kann das in Sachsen ganz leicht passieren. Irgendwie so ganz nebenbei.

Seine Protagonisten Philipp und Tobias wachsen in der sächsischen Provinz auf - Neschwitz heißt der Ort in der Lausitz. Geschlossene Fabriken, Plattenbauten, Abwanderung - Verfall. Am Ende brennt die geplante Flüchtlingsunterkunft.

Rietzschels Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» wirft einen Blick auf das Bundesland, das vielen in diesen Zeiten Rätsel aufgibt. Pegida, Heidenau, Freital und zuletzt Chemnitz. Der Fremdenhass scheint sich immer wieder dort besonders Bahn zu brechen. Und keiner vermag wirklich zu erklären - warum immer wieder Sachsen?

Auch Lukas Rietzschel kann diese Antwort nicht geben. Aber der 1994 in Ostsachsen geborene Autor zeigt dem Leser in seinem neuen Roman einen Ort, der trister kaum sein kann - eine Region, die wohl vielen in Deutschland fremd ist. Die einen verlassen das Örtchen Neschwitz in Rietzschels Geschichte und ziehen gen Westen, die Zurückgebliebenen trinken - und manch einer beginnt zu hassen.

Die Protagonisten Philipp und Tobi verbringen eigentlich eine ganz normale Jugend - wachsen in den 2000ern auf. Sie haben Angst vor Krieg, als 2001 die Flugzeuge in die Twin Towers fliegen. Die Jungs verstehen, dass ihr Vater bei der Nachbarin nicht immer nur Rollos repariert. Sie haben Ärger in der Schule. Irgendwann stirbt der geliebte Opa.

Doch auch Sachsen prägt sie: Sie mögen die Sorben nicht - das schickt sich in Neschwitz. Sie sehen, was Crystal Meth aus einem guten Freund machen kann. Sie spielen in verlassenen Fabriken. Sie lernen früh das Wort Stasi. Und sie sind fasziniert, von Menzel und den anderen älteren Typen, die immer mit dem Auto vor der Schule rumhängen.

Eines Tages ist da ein riesiges Hakenkreuz auf einem großen Findling vor der Schule. Keiner vermag den Brüdern zu erklären, warum das verboten ist - nur dass es verboten ist. Die Neugierde wächst. Der Ältere schließt sich der Gruppe rund um Menzel an - sie trinken und träumen von einem anderen Deutschland. Bald stößt auch der Jüngere - Tobi - dazu. Irgendwann landet ein totes Schwein auf dem Haus einer Familie, die ein türkisches Mädchen adoptiert hat.

Zwar sagt Rietzschel, er habe keinen autobiografischen Roman geschrieben - aber völlig losgelöst ist sein Werk nicht von seiner eigenen Geschichte, wie er sagt. «Der Roman greift politische Fragen auf, aber ich wollte keinen unmittelbar politischen Text schreiben, sondern eine Geschichte erzählen», so der Autor über «Mit der Faust in die Welt schlagen».

Dass Tobi und Philipp irgendwann bei den Rechten landen, lässt den Leser ratlos zurück. Keiner von beiden hat gesteigertes Interesse am Nationalsozialismus, beschäftigt sich irgendwie tiefer mit der Ideologie der Rechten. Da ist dieses Gefühl, Opfer zu sein, abgehängt - und dass das Fremde böse ist. Und spätestens das Jahr 2015 wird zum Wendepunkt - mit den Flüchtlingen kommt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Dem erneuten Verlust.

Aber schließlich stellt sich auch die Frage: Hätten Menzel und seine Kumpels bunte Haare und ein Faible für die Sex Pistols, wären aus den beiden Brüdern Punks geworden? Ist es letztlich nur die Zugehörigkeit zu einer Gruppe - Langeweile, Abenteuer, Frust?

Warum zeigen einige Menschen in Sachsen den Hitlergruß - pöbeln, drohen, werden gewalttätig? «Mit der Faust in die Welt schlagen» lässt den Leser ratlos zurück. Aber mit einem Gefühl für eine Region Deutschlands, in der das Vergangene das Heute prägt. Und in der die Menschen einer Heimat nachhängen, die früher viel besser zu sein schien.

- Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Ullstein, Berlin, 320 Seiten, 20,00 Euro, ISBN-13 9783550050664.



https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6043156?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686136%2F2686170%2F