Mit Hugh Jackman
«Der Spitzenkandidat»: Als Medien ihre Unschuld verloren

Vor dreißig Jahren verändert ein Skandal die US-Politik für immer. Zum ersten Mal berichten sonst seriöse Medien atemlos über die Affäre eines Politikers - so lange, bis er seine Präsidentschaftskampagne aufgibt. Hugh Jackman spielt diesen Politiker.

Sonntag, 13.01.2019, 16:51 Uhr aktualisiert: 14.01.2019, 11:16 Uhr
Gary Hart (Hugh Jackmann) ist ein charismatischer Aufsteiger mit besten Chancen, 1988 für die Demokraten als Präsidentschaftskandidat ins Rennen zu gehen.
Gary Hart (Hugh Jackmann) ist ein charismatischer Aufsteiger mit besten Chancen, 1988 für die Demokraten als Präsidentschaftskandidat ins Rennen zu gehen. Foto: -

New York (dpa) - Im Vergleich zum hysterischen Gekreische unserer Zeit sah die Politik der Vereinigten Staaten im Jahr 1988 ziemlich unschuldig aus: Es gab erste Anzeichen der Annäherung zu Russland und die Arbeitslosigkeit unter Präsident Ronald Reagan stand auf dem niedrigsten Stand seit Anfang der 70er Jahre.

Darüber hinaus sollte es noch neun Jahre dauern, bis der krawallige und inzwischen stramm trumptreue Nachrichtensender FOX News auf Sendung geht. Und doch gab es vor dreißig Jahren einen Skandal, der bis heute Politik und Medien der Vereinigten Staaten für immer verändert hat: Der Fall von Gary Hart brachte lüsterne Skandalberichterstattung auch in seriöse Zeitungen, zum ersten Mal bedienten sie sich auf breiter Front den Mitteln des Boulevard.

Regisseur Jason Reitman («Juno», «Ghostbusters», «Up in the Air») hat den Skandal in «Der Spitzenkandidat» neu verfilmt. Er stellt die heute immer noch gültige Frage, ob alles, was interessant ist, auch wirklich wichtig ist. Hugh Jackman verkörpert Hart, einen charismatischen Aufsteiger mit besten Chancen, 1988 für die Demokraten als Präsidentschaftskandidat ins Rennen gehen zu dürfen.

Schon ein Jahr zuvor enthüllte der «Miami Herald» auf Basis der Recherchen eines Privatdetektivs, dass der verheiratete Hart einige Nächte mit einem 29 Jahre alten Model verbracht hat. Derlei Affären waren selbst in den 80er Jahren nichts Ungewöhnliches, bei John F. Kennedy oder Lyndon B. Johnson wurde öffentlich großzügig über Untreue hinweggesehen.

Dass aber seriöse Medien überhaupt ein solches Thema aufgriffen, dass sie Privatdetektive anheuerten und dass sie selbst auf der Suche nach Beweisen und Kommentaren der Betroffenen ihre Reporter nachts vor das Haus des früheren Senators schicken, all das war vor dreißig Jahren so neu, wie es heute Standard ist. Über Wochen wurde Harts Untreue auf den Titelseiten des Boulevards breitgetreten. Er erklärte im Mai 1987 seine Kandidatur für beendet. 

Reitman inszeniert diese Geschichte nicht nur um den großen Star Hugh Jackman herum, sondern gibt auch dem Ensemble viel Zeit, darunter J.K. Simmons (oscarprämiert als Jazzlehrer in «Whiplash») als Manager, Vera Farmiga als Harts Ehefrau und Alfred Molina als Journalist Ben Bradlee.

Reitman verzichtet in seiner eher faktentreuen Aufbereitung auf eine deutliche eigene Stellungnahme und verteufelt weder Hart noch die Presse. Vielleicht hat auch deshalb der in den USA am Tag der erbittert umkämpften Zwischenwahlen im vergangenen November gestartete Film keinen besonders großen Eindruck hinterlassen. Er spielte nach lauwarmen Kritiken gerade einmal zwei Millionen Dollar ein.

Für Harts politische Karriere hingegen gab es schließlich zumindest eine winzige Fortsetzung: Unter Barack Obama arbeitete er als Berater im Heimatschutzministerium und als Gesandter für Nordirlandfragen. Mit seiner Frau Oletha Lee ist er seit 1958 verheiratet.

Der Spitzenkandidat, USA 2018, 112 Min., FSK ab 6, von Jason Reitman, mit Hugh Jackman, Vera Farmiga, J.K. Simmons, Alfred Molina

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