Grenzenloser Irrsinn
Don Winslow zieht noch einmal in den Drogenkrieg

Mit «Jahre des Jägers» setzt der US-Schriftsteller Don Winslow einen Schlussstrich unter sein Epos über den Drogenkrieg in Mexiko. Gewohnt kunstvoll verwebt er Realität und Fiktion zu einem blutigen Irrsinn und nimmt damit auch seinen Lieblingsgegner Donald Trump aufs Korn.

Dienstag, 05.03.2019, 12:11 Uhr aktualisiert: 05.03.2019, 12:14 Uhr
Der US-amerikanische Schriftsteller Don Winslow beentet sein Drogenkriegs-Epos mit einem dritten Teil.
Der US-amerikanische Schriftsteller Don Winslow beentet sein Drogenkriegs-Epos mit einem dritten Teil. Foto: Jens Kalaene

Stuttgart (dpa) - Der Originaltitel ist vielleicht ein bisschen öde, aber sehr treffend. Es geht tatsächlich vor allem um Grenzen in «The Border», dem neuen, dritten Teil von Don Winslows Drogenkriegs-Epos, der eine weitere Episode in diesem gleichermaßen irren wie endlosen Konflikt in Mexiko und den USA beschreibt.

Die reale Grenze zwischen den beiden Ländern natürlich, da wo US-Präsident Donald Trump so gern eine große Mauer hätte. Vor allem aber auch die Grenzen, die Winslow seine Protagonisten auch diesmal im übertragenen Sinn verwischen und überschreiten lässt - zwischen Gut und Böse, Politik und Geschäft, Kartell und Regierung, Polizisten und Gangstern.

Und nach den vielen Jahren, die sich der 65-Jährige nun schon mit dem Thema beschäftigt, fällt noch eine weitere Unterscheidung inzwischen schwer: Spricht da noch Art Keller, US-Drogenfahnder und seit dem ersten Teil Winslows Hauptperson, oder schon Winslow selbst?

«Die Grenze» erschien als Titel wohl wirklich zu öde, deshalb heißt Winslows Buch auf Deutsch nun «Jahre des Jägers». Und soll nun aber wirklich, wirklich das letzte zu dem Thema sein. «Tage der Toten» (2012) und «Das Kartell» (2015) waren große Erfolge, aber, wenn man Winslow glaubt, nie als die Episoden eins und zwei einer Trilogie gedacht. Nun gibt es sogar noch Nummer drei, aber damit soll dann endgültig Schluss sein, hat er dem US-Magazin «Rolling Stone» gesagt.

Ohnehin ist Winslow mit «Jahre des Jägers» nun - fast - in der Gegenwart angekommen. Art Keller ist unverhofft an die Spitze der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde DEA gerückt. In Mexiko kämpfen «Los Hijos» um die Macht, die selbst ewig zugedröhnten, aber deshalb nicht minder ambitionierten Söhne der großen Bosse von einst. Und in den USA schickt ein wüste Verwünschungen Richtung Süden twitternder Immobilieninvestor sich an, Präsident zu werden.

Der heißt hier zwar Dennison und nicht Trump und sein Schwiegersohn Lerner und nicht Kushner, trotzdem ist klar, wer hier gemeint ist. Winslow ist bekannt für seine Abneigung gegen den US-Präsidenten, regelmäßig geht er ihn bei Twitter frontal an. Trumps Mauer-Pläne hält er für ausgemachten Schwachsinn und die Drogenpolitik seines Landes für verfehlt und scheinheilig - wobei der Fairness halber gesagt werden muss, dass er das auch vor Trump schon so gesehen hat. Die Wurzel allen Übels, das predigt Winslow seit Jahren, liege in den USA, wo die Leute die Drogen kaufen, nicht in Mexiko, wo sie herkommen. Ohne Nachfrage kein Angebot.

Wie die Vorgänger ist nun auch «Jahre des Jägers» eine recht blutige Angelegenheit geworden. Wieder verwischt Winslow im gewohnt kühlen Stakkato-Stil die Grenzen von Fiktion und Realität und strickt seine Story weiter um wahre Begebenheiten herum, mal mit mehr, mal mit weniger künstlerischer Freiheit - vom Foltermord an einem DEA-Agenten in den 1980er Jahren über das Verschwinden von 43 Studenten in der mexikanischen Kleinstadt Iguala 2014 bis hin zu Schwiegersohn Kushners umstrittenen Immobiliengeschäften in New York.

Die Arbeit an den Drogenkrieg-Büchern habe ihn trauriger gemacht, hat Winslow dem «Rolling Stone» gesagt. Dass man den Lektoren, die kämen und die Geschichte für übertrieben hielten, sagen müsse: Ja, aber so ist es eben gewesen. Winslow ist in seinen Ansichten auch seinem Helden Keller recht ähnlich geworden über die Jahre. Oder umgekehrt. Zumindest ist vieles, das er gerade wieder in Interviews über den Krieg gegen die Drogen oder Trumps Mauer sagt, ziemlich genau so auch im Buch wiederzufinden. Nur dass es dort eben Art Keller sagt.

Unlängst hat Winslow den US-Präsidenten auch wieder per Twitter kontaktiert und ihn aufgefordert, mit ihm im Fernsehen über die Mauer zu diskutieren und anschließend die Zuschauer entscheiden zu lassen. Trump hat noch nicht geantwortet.

- Don Winslow: Jahre des Jägers. Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch (Original: The Border), Droemer, 992 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-426-28219-9.

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